Geocaching III von Markus Gründel & Melanie Lipka

Rezensionsmontag!

Auf der Leipziger Buchmesse habe ich, nachdem ich schon das letzte Jahr damit geliebäugelt hatte, das Geocaching ausprobiert. Ich habe Schnitzeljagden und Schatzsuchen schon als Kind geliebt und Geocaching ist ja eigentlich die Fortführung dessen ins Erwachsenenalter. Außerdem ist es vielleicht, so dachte ich, ein Hobby, das wir als Familie ausüben könnten: draußen, in der Natur unterwegs sein, mit milliardenteurer US-Militärtechnik spielen und Rätsel lösen, um Schätze zu finden. Ich finde, das hört sich nach einem klasse Plan an. Also kam mir die Gelegenheit das einmal auszuprobieren sehr gelegen. Ich hatte Spaß und kam auch mit Markus Gründel, der den Workshop leitete, ins Gespräch; er ist der Autor zum Thema im deutschsprachigen Raum. Er war sehr nett und so stelle ich heute sein Buch zum Geocaching – speziell für Jugendliche – vor und demnächst gibt es noch ein Interview mit ihm.

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Autor: Markus Gründel
Titel: Geocaching III Voll im Bilde beim GPS-Abenteuer
Illustratorin: Melanie Lipka
Verlag: Conrad Stein Verlag
Seiten: 129

In Geocaching III Voll im Bilde beim GPS-Abenteuer handelt es sich um eine Einführung und ein Nachschlagewerk zum Hobby Geocaching. Geocaching ist „die moderne Art der Schnitzeljagd. (…) Wie bei der altehrwürdigen Schnitzeljagd versteckt jemand (der Owner, Eigentümer) einen sogenannten Geocache, meist eine wasserdichte Dose mit einem Logbuch und einigen Tauschgegenständen. Dann ermittelt er mit GPS/Smartphone die exakten Koordinaten und stellt diese auf den einschlägigen Webseiten ins Internet. Und schon kann es losgehen! Ausgestattet mit den Koordinaten des Schatzes und einem GPS-Empfänger geht es auf die Jagd!“
Mit viel Wissen – Die Szene-Band „Die Dosenfischer“ hat im Song „Lächeln und Winken“ eine Liedzeile „…wenn schon im Gründel steht“! – und speziell für Jugendliche, wenn auch nicht ausschließlich für die, werden in dem kleinen Büchlein in beinahe A6-Format, so dass es gut in die Tasche passt, die Grundlagen des Hobbys erklärt. Dabei ist das Buch in drei Teile gegliedert: Grundlegendes, wo erklärt wird, was Caches sein können, wie die Verstecke aussehen können, was die verschiedenen Schwierigkeitsgrade bedeuten, was das Fachvokabular bedeutet und wo man im Internet Geocacher findet, weiter geht es im Ausrüstungsteil mit Listen, was man dabei haben sollte – Dabei wird auch die Erste Hilfe- und spezielle Winterausrüstung erwähnt. – und kurzen Erläuterungen und im letzten Teil geht es um Geocaching in der Praxis. Hier finden eine Beschreibung, wie das mit GPS eigentlich funktioniert, Tipps für die Suche an den Koordinaten, was es für verschiedene Suchen gibt und wie man selbst ein Geocache versteckt. Abschließend gibt es noch Hinweise auf Naturverträglichkeit und Gefahren wie Zecken. Ich hatte beim Lesen das Gefühl, dass das Thema für eine Einführung rundum behandelt ist.
Die Zeichnungen des Comics sind lustig. Melanie Lipka ist in der Geocaching-Szene mit ihren Comics recht erfolgreich und auch für den Nicht-Kenner erschließt sich in diesem Büchlein wieso. Im klassischen Comicstil werden mit viel Humor und ausgesprochen kurzweilig kleine Anekdoten und lustige Szenen aus dem Hobby erzählt. Zeichnungen und kleine Strips finden sich quasi auf jeder zweiten Seite.
Geocaching III ist ein Sachbuch; der Stil ist daher folgerichtig sachlich, schnörkellos und gut verständlich. Auch Jugendliche können den Erklärungen bei technischen Einzelheiten sicher gut folgen. Da das Buch mit den Illustrationen sehr aufgelockert ist, entsteht auch nicht das Gefühl von „Büffeln müssen“.
Als kleine Zugabe gibt es vorne im Buch noch eine Verschlüsselungstabelle und einen Anhang mit verschiedensten Codes und Alphabeten. Das ist sehr nett, da das Buch in seinem handlichen Format gerade den Anfänger einlädt, es zum Nachschlagen beim dabei zu haben.

Mehr zu Markus Gründel findet man hier auf seiner Website.
Die Comics von Melanie Lipka findet man hier auf ihrer Website.

So, dann ist erst einmal alles gesagt. Bis zum nächsten Mal!

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DinoWheelies Die Schatzsuche von Matthias Weinert

Rezensionsmontag!
Ich bin gebeten worden für den ersten Band der neuen DinoWheelies-Reihe eine Rezension zu schreiben. Da sich das Konzept ganz spannend anhört, habe ich eingewilligt. Leider konnte ich Matthias Weinert, den Autoren, nicht wie ursprünglich geplant in Leipzig treffen. Aber das Buch oder der Comic funktoniert ja auch gut ohne Autoreninterview. Über die tatsächliche Ausstattug des Buchs kann ich wenig sagen, da ich ein Leseexemplar bekommen haben …

Autor: Matthias Weinert
Titel: Dino Wheelies Die Schatzsuche
Illustrator: Matthias Weinert
Verlag: Fischer KJB
Seiten: 96

2084 haben die Menschen die Erde verlassen und eine riesige Müllkippe zurückgelassen. Aus dem Schrott und „dem, was man das Wunde des Lebens nennen könnte“ entstand etwas Neues: die DinoWheelies, Dinosaurier auf Rädern.
Die drei Freunde Bo, Pukki und Tanka brauchen ein Geburtstagsgeschenk für Mama Tu, die quasi ihre Oma ist. Da ihre Mittel begrenzt sind, kaufen sie eine Schatzkarte und begeben sich auf Schatzsuche, um mit dem Reichtum, den sie finden werden, Mama Tu ein riesiges, wunderbares Geschenk zu kaufen. Und schon stecken sie in einem großen Abenteuer!

Die Geschichte von den drei kleinen DinoWheelies ist sehr liebevoll und charmant erzählt und ebenso gezeichnet. Das Buch ist ein Comic, das allerdings immer wieder von längeren Textpassagen unterbrochen wird. Für Erstleser ist das sicher wundervoll! Beim Vorlesen muss man jedoch erst einmal einen Rhythmus finden, um zu zeigen, wann wer spricht.
Die Geschichte ist vor allem für Jungs ansprechend; nicht nur geht es um eine Dinosaurier-Auto-Kreuzung, auch sind zwei der drei Protagonisten Jungs. Da die Statistik besagt, dass Jungs immer noch weniger lesen als Mädchen, ist es erfreulich, wenn wir mehr Bücher haben, die Jungs vom Lesen überzeugen und sie an Bücher heranführen. Die Altersempfehlung des Verlags ist sehr treffend.
Die Zeichnungen des Comics sind schön. Es gibt eine Menge Details, aber sie bleiben dabei übersichtlich. Und die Figuren sind wirklich niedlich.
Die Geschichte ist locker und leicht erzählt, ist spannend und vermittelt neben dem guten Ende auch noch eine Moral.
Sehr schön ist das Lexikon am Ende des Buchs, in dem noch mal Dinge aus der Geschichte aufgegriffen und mit Tatsachen unterfüttert werden.
Das Marketing mit App und Quartett ist clever gemacht, aber ich bin mir nicht ganz sicher, was ich davon halten soll. Auf der einen Seite ist es super, wenn die Kinder, nachdem sie neue Helden gefunden haben, noch mehr mit ihnen machen können, aber es erinnert auch an das Quengelregal im Supermarkt.

So, dann ist erst einmal alles gesagt. Bis zur nächsten Woche!

Klausmüller – Ein Esel sucht ein Pferd von Pebby Art

Einer meiner guten Vorsätze für das neue Jahr ist es wieder Rezensionen für Literaturjunkie zu schreiben. Und am besten ist das ja bei solchen Vorsätzen nicht viel darüber zu reden und darüber nachzudenken, sondern einfach zu machen. Also: Here we go!
Ich bin mit Pebby Art über das Rezensionsforum Rezi Suche zusammen gekommen. Wir haben uns ein paar Mal geschrieben und ich kann nur sagen, dass Pebby sehr sympathisch ist …

Autor: Pebby Art
Illustrationen: Pebby Art
Titel: Klausmüller – Ein Esel sucht ein Pferd
Verlag: Selfpublishing
Seiten: 210

Klara ist elf Jahre alt und hat es geschafft ihre Eltern zu überzeugen, den Familienurlaub am Strand auf Mallorca zu verbringen. Kein Wunder, dass sie stinksauer und bockig wird, als es plötzlich nun doch zu der unbekannten Großtante Agnes gehen soll. Familiensache und so. Doch beim ungeliebten Feriendomizil angekommen erwarten Klara gleich mehrere Überraschungen: Tante Agnes hat Pferde! Wie toll ist das denn? Und Joey, der Junge, der die Pferde versorgt, ist auch noch so nett und wirklich cool. Ist das nicht super? Aber die größte Überraschung ist dann doch, dass Klausmüller, Klaras Stoffesel und guter Gefährte in allen Lebenslagen, nach einem Sturz durch eine Ritterrüstung zu Leben erwacht. Und es stellt sich heraus, dass er nicht nur knuddelig ist, sondern einen sehr eigenen Kopf hat und das Herumschwingen an Lampen und Kekse liebt. Ist das nicht – äh, abgefahren? Und wäre das nicht schon Abenteuer genug, verschwindet auch noch das Fohlen Favorit und nur Klausmüller hat gesehen, dass nachts auf der Weide noch ein Mann war und seine Aufmerksamskeitspanne unterscheidet sich nicht sehr von der eines Frettchens …

Der Plot ist klar und stringent, genau so wie man ihn sich in einem Kinderbuch wünscht. Die Dinge passieren nacheinander und folgen ihrer inneren Logik. Die Rätsel werden gelöst, indem Spuren gefunden und verfolgt werden. Es ist ein sehr zahmer Krimi; es passieren keine schrecklichen oder wohlmöglich verstörenden Dinge. Die Entführung des Fohlens ist nicht schön, aber das Problem wird ja von Joey und Klara kompetent gelöst.
Die lustigen Verrücktheiten um und von Klausmüller sorgen dafür, dass das Buch aus der Masse an anderen Kinderkrimis heraussticht. Ein lebendes Stofftier ist eben nicht alltäglich und mal etwas anderes – und bestimmt sogar der geheime Traum von vielen kleinen Menschen. Ich zumindest wäre außer mir vor Freude gewesen, wenn eines meiner Stofftiere ein Eigenleben entwickelt hätte. Und obwohl etwas so Magisches passiert, bleibt der Roman durch und durch „realistisch“ und auf dem Boden. Das habe ich beim Lesen sehr geschätzt: Kinder akzeptieren die Dinge, auch wenn sie außergewöhnlich sind. Und genauso ist es auch bei Klausmüller.
Die Geschichte wird schnörkellos erzählt. Der Stil ist klar und schmucklos, teilweise leider sogar ein wenig trocken. Die verwendete Sprache ist leicht zu verstehen – ideal, wenn man die ersten Bücher selbst liest.
Den Figuren – allen voran der Protagonistin Klara – hätte allerdings ein bisschen mehr Tiefe nicht geschadet. Ich war immer dann Feuer und Flamme, wenn man ein wenig Einblick in das Seelenleben der Figuren gewonnen hat. Klaras Reaktionen auf Joey, die sie selber nicht einschätzen kann, oder Klausmüllers Eifersucht auf die „Großen“, die er mit Pampigkeit versucht wettzumachen, waren immer die Momente, in denen das Buch zu atmen begann und ich weiterlesen wollte. Leider blieben sie in der Minderheit.
Ein echtes Highlight sind die liebevollen Illustrationen. Innerhalb der Kapitel sind kleine Zeichnungen, die das Geschehen immer mal wieder untermalen. Die Bilder sind schön anzuschauen und sind nicht nur süß, sondern teilweise auch sehr komisch.
Auch wenn Klausmüller nicht das Debüt der Autorin ist, ist es der Beginn einer Reihe – und vielleicht findet Pebby in den nächsten Teilen zu einem lockereren und lustigeren Stil. Dann wären die Klausmüllerbücher unschlagbar. Mit ihren lustigen Ideen und witzigen Einfällen hat sie mich beim Lesen öfter zum Grinsen gebracht.
Es gibt von Klausmüller übrigens kostenlos eine kurze Weihnachtsgeschichte, wenn ihr ihn mal kennenlernen wollt: Klausmüller – Ein Esel fürs Krippenspiel.

Mehr zu den Büchern von Pebby Art und zu ihrem Schreiben und Leben gibt es auf ihrem Blog.

So, dann ist erst einmal alles gesagt. Bis zur nächsten Woche!

Winterkind von Lilach Mer

Als Lilach verkündete, sie schriebe ein neues Buch, habe ich mich sehr gefreut. Der siebte Schwan ist eines der Bücher der letzten Jahre, die ich wirklich, wirklich genossen habe. Ich war also voller Vorfreude – auch wenn Lilach sich sehr bedeckt gehalten hat, was das Sujet ihres neuen Projekts angeht. „Egal,“ dachte ich, „das kann nur gut werden!“ Und – um mal vorzugreifen – das ist es.
Ein bisschen habe ich dann doch erfahren, worum es geht, als Lilach an einer Frage zur Toxikologie knabberte und ich ihr einen Freund zur Problemlösung vermitteln konnte. Manchmal macht es sich eben doch bezahlt, wenn man liebe Menschen mit skurrilem Wissen 500 kennt …

Autor: Lilach Mer
Titel: Winterkind
Verlag: Dryas Verlag
Seiten: 279

Niedersachsen, um 1880. Im tiefsten Winter eskalieren die Probleme von Blanka von Rapp. Eigentlich könnte sie glücklich sein: Sie ist schön, ihr Mann reich. Doch das ist nur Fassade: Sie wird von Angst zerfressen und kann das Haus nicht verlassen. Im Herrenhaus wird an den Dienstboten gespart und auch die Arbeiter der Glashütte wollen endlich ihren Lohn. Als dann ihr Mann verreist, die Tochter krank wird und ein Schneesturm niemanden entkommen lässt, kommt es zu einem Moment der Wahrheit. Dem Himmel sei Dank gibt es noch Sophie, die Gouvernante …

Ich habe das Buch gelesen, als draußen der Schnee fiel und es eisig kalt war. Sicherlich hat das geholfen, mich in die Szenerie zu versetzen, aber ich bin mir sicher, dass das eigentlich nicht nötig ist, denn die wundervolle Sprache zieht einen auch so in den Bann der Geschichte! Einige Stellen sind gradezu poetisch und haben mir ein so großes Vergnügen bereitet, dass ich manche Sätze einfach zweimal lesen musste.
Der Aufbau mit den Rückblenden in die Vergangenheit erzeugt Spannung, die den Leser mitfiebern lässt. Weiß man am Beginn noch gar nicht, von wem die Rede ist, ist am Ende das schreckliche Geheimnis er Vergangenheit enthüllt und man versteht die nun auch die Gegenwart. Und dann ist da noch die Märchenstruktur, die die Handlung bestimmt, und die in vielen kleinen Andeutungen – Namen, der Spiegel, das Reh – immer wieder auftaucht und zum einen eine märchenhafte Stimmung erzeugt und zum anderen dem Leser das Gefühl gibt, zu Hause zu sein, dies alles zu kennen und sich daher heimelig und sicher fühlen zu können, auch wenn die Handlung alles andere als beruhigend ist.
Winterkind ist ein historischer Roman, trotz der Märchenstruktur sucht man vergebens nach Phantastik – auch wenn man das Gefühl hat, gleich könnte etwas Phantastisches passieren. Die Atmosphäre des Romans ist dicht wie der wirbelnde Schnee, der das Anwesen der von Rapps von der Aussenwelt abschneidet und die beiden Frauen mit dem todkranken Kind, dem Verrat von geliebten Menschen und dem sich immer weiter steigernden Groll und Zorn der nach ihrer Bezahlung verlangenden Arbeitern alleine lässt. Das Kunststück die Atmosphäre zugleich märchenhaft-verträumt als auch düster-bedrohlich sein zu lassen gelingt Lilach spielend. Wie schon im Siebten Schwan vermengt die Autorin verschiedene Sujets, ohne dass dies störend wirkt; vielmehr entsteht ein homogenes, aber wunderbar vielschichtiges Werk: Winterkind ist zugleich historischer Roman, gothic novel, Märchenadaption, Frauenschicksal und psychologischer Roman.
Die Beschreibung der Lebenssituationen der Frauen und der Arbeiterklasse sind präzise recherchiert und können einem noch viel beibringen, gleichzeitig fliessen alle Beschreibungen in den Roman ein und haben eine Funktion: Sie erhöhen die Spannung, wenn es um einen möglichen Aufstand geht, sie charakterisieren die Figuren und geben ihnen ihre Handlungsspielräume vor, die gebrochen werden können oder eben auch nicht. Sie sind nie Selbstzweck. (Und das ist etwas, das ich an historischen Romanen wirklich verabscheue, wenn zu erkennen ist, das die Autorin hier eine tolle Quelle gefunden hat und unbedingt dieses Wissen unterbringen muss, auch, wenn es den Roman in keiner Weise „voran bringt“.) Persönlich find eich es besonders angenehm, dass Lilach ihre Quellen im Nachwort anspricht und so der interessierten Leserin die Möglichkeit gibt, sich selber weiter zu informieren.
Die Figuren sind durch die Bank weg überzeugend. Alle sind liebevoll charakterisiert und selbst die Nebenfiguren scheinen ein Eigenleben zu haben; als Leserin glaubt man fest daran, dass beispielsweise die Köchin ihr eigenes Leben weiterlebt, wenn die Tür hinter ihr zu geht. Zwar kommen Männer in der Geschichte vor, aber der Fokus liegt eindeutig auf zwei Frauen: Blanka von Rapp und Sophie. Erstere ist die Hausherrin und genauso zart und schön und ätherisch wie die Zeit eine Dame haben möchte. Sophie, die Gouvernante von Blankas Tochter, hingegen ist pragmatisch und vernünftig, freundlich, aber nicht überragend hübsch – ebenso die sich die Gesellschaft es wünscht. Beide könnten kaum unterschiedlicher ein, beide haben an ihrer Vergangenheit zu knabbern, zusammen müssen sie sich der eskalierenden Situation stellen, in denen die Männer sie im Stich lassen und werden so am Ende zu so guten Freundinnen, wie die Zeit es zulässt. Dass dabei vieles unausgesprochen und nur angedeutet bleibt, ist eine der großen Stärken von Winterkind. Nicht nur bei den Figuren und ihren Beziehungen zueinander bleiben „Leerstellen“, die der Leser füllen kann, wie es ihm beliebt, auch das Ende ist offen. Die Probleme sind nicht alle gelöst, aber die Protagonistinnen wissen nun, was sie leisten können – und der Leser bleibt mit dem Gefühl zurück, dass die beiden ihr Leben nun selbst in die Hand nehmen werden und ihr Schicksal mitbestimmen werden.

Mehr zu und über Lilach Mer gibt es hier.

So, dann ist erst einmal alles gesagt. Bis zur nächsten Woche!

Das geheimnisvolle Universum der Ozeane von Ruth Omphalius

Und hier mal wieder eine Rezension – Hauskauf, Umbau, Umzug, Schwangerschaft und Geburt haben mich ein wenig Zeit gekostet. Man könnte auch sagen, ich bin zu nichts anderem mehr gekommen. Aber dafür habe ich jetzt ein Haus mit Bibliothek und zwei wunderbare Kinder, mit denen ich jede Menge Bücher lesen werde. Juchhu!
Ich komme ja ursprünglich aus Kiel, hatte die Ostsee quasi vor der Tür und habe als Kind regelmässig Urlaub auf den Nordseeinseln gemacht, mein Onkel ist zur See gefahren und mein Mann hat am Geomar (dem Meeresforschungsinstitut, deren Professoren unter anderen Frank Schätzing für den Schwarm beraten haben) promoviert. Ich habe also eine große Affinität zum Thema Meer und Ozean. Und nicht zuletzt deshalb freue ich mich, dies Jugendsachbuch zu rezensieren …

Autor: Ruth Omphalius
Titel: Das geheimnisvolle Universum der Ozeane
Illustrator: Hans Baltzer
Verlag: Arena Verlag
Seiten: 220

In dem Jugendsachbuch geht es – wie bei dem Titel zu erwarten – um die sieben Weltmeere und alles, was damit zu tun hat. Aufgeteilt in sechs Kapitel werden verschiedene Aspekte des Meeres beleuchtet: Entstehung der Ozeane, Meeresströmungen und ihr Einfluss auf das Klima, Entstehung des Lebens, frühere und heutige Raubtiere im Ozean, Evolution von Meeressäugern und -vögeln und der Mensch und das Meer. Ein Glossar und ein Literaturverzeichnis runden das Sachbuch ab.

Ruth Omphalius schreibt verständlich und erklärt auch komplexe Sachverhalte auf eine Art, dass sie gut nachvollziehbar und begreifbar werden. Dabei ist ihr Stil alles andere als langweilig; auch ich als Erwachsene habe das Buch gerne gelesen. Immer wieder gibt es kleine Geschichten und Anekdoten, die den Einstieg zu bestimmten Fragen und Themen einfacher machen und das Sachthema mit der Prise Menschlichkeit würzen, die dafür sorgt, dass man sich die Dinge merkt und spannend findet. Leider gibt es keine Altersempfehlung für das Buch vom Verlag. Das ist schade, denn ich wüsste nicht, ob ich Das geheimnisvolle Universum der Ozeane schon meiner Patentochter in die Hand geben könnte oder ob es sie nicht doch noch ein wenig überfordert.
Der Sachinhalt ist umfangreich und erstreckt sich vom Geben eines Überblicks zu einem bestimmten Thema bis zu sehr speziellen Detailwissen beispielsweise von Pinguinen. Im Buch wird so verschiedenen Fragen nachgegangen, wie das Wasser überhaupt auf die Erde kam, ob das Leben wirklich im Meer begann, welche Raubtiere in den Urmeeren lebten, welche Raubtiere heute in den Ozeanen zu finden sind, wie es den Menschen gelang die Meere zu bereisen oder wie die Zukunft der Ozeane aussehen könnte. Obwohl ich mich für das Meer interessiere, habe ich noch das eine oder andere gelernt. Innerhalb der Kapitel ist der Aufbau zwar etwas verschnörkelt, aber viele spannende und interessante Punkte sind auf eine gut lesbare Weise miteinander zu einem stimmigen Gesamttext verbunden. Besonders gut haben mir die immer wieder eingeschobenen Wissensblöcke gefallen. Da sie sich optisch gut vom Rest des Textes abheben, kann man auch beim Blättern Spannendes und Wissenswertes aufschnappen und bestimmte Dinge beim Nachschlagen schnell wieder finden. Die verschiedenen Kapitel stehen allerdings ein wenig isoliert da. Und hier ist auch mein einziger Kritikpunkt am Buch; die Auswahl der Themengebiete erscheint willkürlich. Zwar werden interessante Themen behandelt, aber einen richtigen roten Faden, der von vorne bis hinten durchs Buch führt, gibt es leider nicht.
Das Bildmaterial – wenige Fotos und viele Grafiken von Hans Baltzer – sind genau richtig dosiert. Sie untermalen und erläutern den Text und fügen ihm so eine weitere Dimension hinzu, die das Begreifen, Verstehen und Lernen einfacher macht. Dass die Bilder und Illustrationen nicht kunterbunt sind, betont zum einen den Sachbuchcharakter und zum anderen lenkt es nicht vom Wesentlichen ab.
Die Literatur- und Linkliste ist kurz gehalten und für Jugendliche sicherlich genau richtig. Vielleicht wäre eine knappe Erläuterung zu den empfohlenen Titeln (Worum geht es? & Warum ist es empfehlenswert?) gerade für junge LeserInnen hilfreich zur weiteren Lektüre. Und da mir der Umweltschutz eine Herzensangelegenheit ist, könnte auch die Sektion „Und was kann jeder Einzelne tun?“ etwas ausführlicher sein. Aber vermutlich bin ich da zum einen voreingenommen und zum anderen liest es sich schnell durch Passagen, deren Inhalt man einfach schon kennt.
Ich würde dieses Buch auf jeden Fall jedem am Meer interessierten Teenager ans Herz legen!

Mehr zu den Büchern von Ruth Omphalius und ihre Bücher bei Arena gibt es hier.

So, dann ist erst einmal alles gesagt. Bis zur nächsten Woche!

Rezension ist nicht gleich Rezension – Protokoll einer Deutschstunde

Ich habe ja schon einmal geschrieben, dass eine Rezension von mir hier Lernstoff in der Schule geworden ist. Hier ist er nun, der Artikel, in dem die Deutschstunde, die Arbeitsaufgabe, das Ergebnis und die pädagogischen Vorüberlegungen geschildert werden. Vielen Dank für die Mühe, Christof!

Im Rahmen des Themenkorridors „Das Problem literarischer Wertung“ sollte die dreizehnte Klasse in dieser Stunde die Unterschiede verschiedener literaturkritischer Textsorten herausarbeiten. Dazu bekamen die Schüler den Auftrag, zwei Rezensionen zum Kluftinger-Krimi „Laienspiel“ von V. Klüpfel und M. Kobr zu vergleichen, nämlich einen Blog-Eintrag von literaturjunkie und einen Text aus der „Berliner Literaturkritik“ aus der Feder von Susanna Gilbert-Sättle. (Die blk erschien damals noch in gedruckter Form, hat aber alle Besprechungen online.) Die Texte wurden ausgewählt, erstens weil nach guter Pädagogensitte die leichte Verfügbarkeit von Texten Vorrang vor didaktischen Entscheidungen hat. Soll heißen: Bevor ich stundenlang weitersuche, um noch geeignetere Texte zu finden, nehme ich die schnell gefundenen guten und habe so eine Chance, bei mehr als einer Stunde zu wissen, was ich morgen unterrichte. Zweitens ist das Internet voll mit richtig schlechten Kritiken, deren Aussagekraft nicht über die eines Klicks auf den Gefällt-mir-Button hinausgehen, da deren die Verfasser/in entweder gar nicht in Erwägung zieht, dass man über Literatur mehr als nur bloße Geschmacksurteile fällen kann, oder die Rezension mit derart viel Tiefsinn auflädt, dass das besprochene Werk komplett im Hintergrund verschwindet. (Schlimm ist dann, wenn der vermeintlicher Tiefsinn sich als schöngeistiges Gefasel herausstellt, aber das ist eine andere Baustelle.) Der dritte Grund ist, dass ich literaturjunkie persönlich kenne und so weniger Hemmungen habe, einfach mal anzufragen, ob ich den Text benutzen darf. Viertens und letztens sollten es schon zwei Kritiken zum selben Buch sein, und da waren gar nicht so viele zu finden (unter Berücksichtigung von erstens bis drittens jedenfalls).

Die passenden Texte waren ausgesucht, der Aufbau der Stunde war damit ein Selbstgänger. Die beiden Rezensionen wurden den Schülern ohne Quellenangabe und in einheitlichem Layout vorgelegt, wobei jedoch die Verfasserinnen genannt wurden. Erste Aufgabe: Die Buchbesprechungen lesen und die ihnen zugrunde liegenden Bewertungskriterien herausarbeiten. Es kam heraus, dass gewisse Kriterien für  beiden Rezensentinnen wichtig sind (Humor, Charakterbildung, Anspruch und Spannung), dass literaturjunkie dazu noch Wert auf Rätsel und Denkanstöße (beim Krimi) legt und sich nicht zu schade ist, eine Wertung auch auf der Basis eigener Vorlieben durchzuführen („Ich mag Krimis.“); bei der Presserezension wurden als weitere Merkmale literarische Bezüge sowie Komplexität genannt. Diese Vokabeln waren in vorangegangenen Stunden erarbeitet und die beiden Rezensentinnen mögen mir verzeihen, wenn sie sich damit nicht ganz treffend charakterisiert sehen. Zum Leidwesen der Schüler wurde alles tabellarisch an der Tafel gesammelt.

Im zweiten Teil sollten aus den beiden Tabellenspalten mit den Bewertungskriterien die Unterschiede der Texte treffend beschrieben werden. Diese Unterschiede waren mit weiteren Textmerkmalen zu belegen, die nicht der Kategorie Bewertungskriterium zuzuordnen waren. Damit meint der Deutschlehrer hier vor allem den Stil. (Das wollte er aber so nicht sagen, weil sonst der gymnasiale Anspruch flöten gegangen wäre.) Das Ergebnis war (neben der großen Gemeinsamkeit, nämlich der Erwartung an einen guten Roman, dass Anspruch und Unterhaltungswert gleichermaßen zu bedienen sind), dass die Kriterien, die literaturjunkie anwendet, in der Tendenz subjektiver sind. Und auch stilistisch bekommt man mehr von der Verfasserin mit, als dies bei der eher sachlich-analytisch gehaltenen Presserezension der Fall ist. Dazu passt, dass die Berliner Literaturkritik den Klufti-Krimi ziemlich direkt nach dem Erscheinen besprochen hat, während literaturjunkie den Roman Jahre später darüber geschrieben hat, ähnlich wie ein Tagebuch, sagen wir mal Logbuch, der persönlichen Leseerfahrungen. Somit war die Auflösung, woher die ich die Kritiken genommen habe, keine Überraschung. Der Begriff Blog war den Schülern selbstverständlich ein Begriff und nun haben sie auch gelernt, warum das so heißt.

Fazit im Pädagogendeutsch: Die Schülerinnen und Schüler haben allein aus dem Vergleich der Bewertungskriterien Unterschiede zwischen den journalistischen Textformen Literaturblog und Presserezension  herausgearbeitet und an stilistischen und strukturellen Merkmalen bestätigt. Ziemlich genau das, worauf ich hinauswollte. Gute Texte, gute Klasse.

Ich freue mich wirklich sehr über den Artikel! Noch einmal vielen, vielen Dank, Christof! Und nein, ich finde mich – und meinen Stil – durchaus ganz treffend charakterisiert …

So, dann ist erst einmal alles gesagt. Bis zur nächsten Woche!

Der siebte Schwan von Lilach Mer

Ich habe vor einigen Jahren eine recht lange Pause von Fantasy gemacht. Ich kann nicht einmal genau sagen, woran es lag. Vielleicht hatte ich mich überlesen, vielleicht stimmte ja aber auch mein Gefühl, dass das ganze Zeug unoriginell, unintelligent und schluddrig geschrieben war. Inzwischen hat sich der Markt und mit ihm das Angebot aber grundlegend gewandelt. Viele, viele deutsche Autoren sind und werden verlegt und es gibt auch immer mehr „weibliche“ Fantasy. Ein ganz wunderbares Beispiel dafür ist Lilach Mers Der siebte Schwan.

Autor: Lilach Mer
Titel: Der siebte Schwan
Verlag: Heyne Verlag
Seiten: 556

1913 lebt in Schleswig-Holstein die vierzehnjährige Wilhelmina Ranzau auf dem Gut ihres Vaters und ist ein verträumtes Mädchen, das ihre Zeit am liebsten auf dem Dachboden mit der Musik einer alten Spieluhr verbringt. Sie steht auf der Schwelle dazu eine junge Dame zu werden; bald ist ihre Konfirmation. Mehr durch Zufall belauscht sie eine Gespräch zwischen Dr. Rädin, dem Arzt, den sie schon ihr Leben lang kennt, und ihren Eltern und erfährt, dass sie zwei Brüder hatte, die als Verrückte weggebracht wurden, und dass der Doktor auch sie selbst für verrückt hält und auch sie weggebracht werden soll.
Mina läuft weg, mehr aus Versehen und entgeht mit der Hilfe von Herrn Tausendschön, einem Kater ihren Häschern. Als sie die Katze sprechen hört, fängt auch sie an ihrem Verstand anzuzweifeln, doch sie gelangt zu den Tatern – fahrendes Volk – und findet dort Hilfe und Mitgefühl, aber auch Missgunst und Gefahr. Denn sie entscheidet sich dafür herauszufinden, was mit ihren Brüdern geschehen ist und wo sie nun sind. Sie möchte sie retten. Doch die Wahrheit zu finden, ist im besten Falle schwierig und fordert im schlimmsten Falle einen Preis, der höher liegt als das Leben. Doch Mina stellt sich den Gefahren auf ihrem Weg durch ein verzaubertes, mit Sagengestalten bevölkertes Schleswig-Holstein.

Ich kann gar nicht sagen, was mir an Der siebte Schwan am besten gefallen hat: die Märchenstruktur oder die wundervolle Sprache! Letztere kommt an einigen Stellen gradezu poetisch daher und war immer wieder ein Vergnügen zu lesen. Manche Sätze musste ich voller Genuss zweimal lesen. Die Märchenstruktur, die die Handlung bestimmt, ist nahe am Mythos, an dem, was uns Menschen seit Alters her bewegt hat, und sorgt so dafür, dass auch die Geschichte dicht an dem Ursprünglichen bleibt. Vielleicht ist das – neben den ausgesprochen sympathischen Figuren – der Grund, dass mich das Buch sehr bewegt hat.
Das Worldbuilding in einem phantastischen Roman ist eine Gratwanderung. Zum einen gibt es da die „realistische“ Welt und auf der anderen Seite die Welt des Anderen, des Wunderbaren. Viele Autoren reden diese Magie kaputt, indem sie zuviel beschreiben und erklären. Lilach gelingt es jedoch mit ihren Beschreibungen sowohl das wilhelminische Schleswig-Holstein als auch die Welt der Tater voller Magie, Märchen und Sagen mit einer Leichtigkeit zu beschreiben, dass beides dem Leser klar und völlig natürlich vor Augen steht. Eine Lieblingsszene aus so vielen guten Szenen auszuwählen ist immer schwierig, aber ich liebe einfach – das muss ich einfach spoilern! – die Teufelsbeschreibung in diesem Buch! Es ist lange her, dass ich eine so gelungene und so gruselige Beschreibung einer Teufelsbegegnung gelesen habe. Die Verwebung von Sagen in den phantastischen Roman ist einfach wirklich gut gelungen und sorgt für eine dichte, phantastische, geradezu mit Händen greifbare Atmosphäre.
Und was mich auch sehr beeindruckt hat, war, wie leicht und fließend Genregrenzen überschritten werden, so dass es kaum auffällt. Aber an einigen Stellen scheint man einen historischen Roman zu lesen, an anderen Phantastik, dann wieder eine Coming-of-Age-Geschichte und schließlich gibt es auch noch eine gehörige Prise Horror.
Die Figuren sind wunderbar. Allen voran natürlich Mina, die ein gefährliches Abenteuer zu bestehen hat, aber auch die Tater – Lilja, Nad, Rosa, Pipa – und Herr Tausendschön sind genauso wie Tante Elisabeth oder Dr. Rädin greifbar und voller Tiefe. Alle Figur wirken, als warteten sie nur darauf, dass man noch einmal zu ihnen zurückkehrt, weil sie noch eine Geschichte zu erzählen haben und noch eine und noch eine.
Auch wenn es keine wirklichen Illustrationen im Buch gibt, sind den verschiedenen Abschnitten ganz wunderhübsche „Zinken“ vorangestellt. Kleine Bildchen, die der aufmerksamen Beobachterin schon verraten, worum es im nächsten Abschnitt gehen wird und die von tatsächlichen Zinken inspiriert sind.
Das Ende des Buchs hat mich traurig gemacht. Es war hart, nach so viel wundersamer Magie und berückendem Zauber auf diese höchst unsanfte und grauenvolle Art wieder in die Realität geholt zu werden. Aber zusammenfassend ist es ein ganz märchenhaft schönes Buch: bewegend, zauberhaft und sehr intelligent.

Mehr zu und über Lilach Mer gibt es hier.

So, dann ist erst einmal alles gesagt. Bis zur nächsten Woche!