Interview mit Dagmar Geisler

Ein Interview zum Wochenbeginn…

Dagmar Geisler ist die Autorin von dem Kinderbuch-Klassiker Mein Körper gehört mir, das ich vor zwei Monaten vorgestellt habe.
Dagmar Geisler schreibt und illustriert seit 25 Jahren Bücher für Kinder und Jugendliche. In ihren Büchern geht es um immer wieder um sehr schwere Themen wie Trauer, Scheidung oder Missbrauch. Sie liefert Kindern und Erziehungsberechtigten so zahlreiche Gesprächsanlässe über Gefühle, schwierige Situationen und Probleme zu sprechen. Auch wenn diese Themen „schwere Kost“ sind, zeigt sie zahlreiche Ansätze, diese Phasen positiv zu überwinden. Sie hat sich die Zeit genommen und meine Fragen beantwortet.

Liebe Dagmar, ich hoffe, es stört dich nicht, dass ich dich duze. Da ich ursprünglich aus Kiel komme, ist mir das skandinavische „du“ – zumindest was meinen Blog betrifft – in Fleisch und Blut übergegangen. Ich freue mich sehr über die Gelegenheit zum Interview! Das Thema Kindesmissbrauch liegt mir sehr am Herzen.

Liebe Claudia, es stört mich überhaupt, dass du mich duzt. Ich liebe Skandinavien auch, obwohl ich so weit im Süden wohne. Auch ich freue mich über die Gelegenheit, deine Fragen zu beantworten.

„Mein Körper gehört mir“ ist vor inzwischen 25 Jahren erschienen und heute ein Klassiker. 25 Jahre sind eine lange Zeit und du hast dich die ganze Zeit mit dem Thema befasst. Was hat sich seitdem in Deutschland zum Thema Missbrauch getan? Und was ist immer noch ein Problem?

Vor 25 Jahren war das Thema „Missbrauch“ noch ein Tabuthema. Die öffentliche Auseinandersetzung damit, ging damals erst los. Ich finde es gut, dass es inzwischen möglich ist, darüber zu sprechen, dass immer mehr Opfer sich melden und – wenn auch in vielen Fällen sehr spät- Gehör und Hilfe finden können.
Ein Problem ist und bleibt, dass das Thema Angst macht und deshalb bei vielen nach wie vor eine Scheu besteht über diese Dinge in angemessener Weise zu sprechen.

Das Thema hat es nicht zuletzt durch Fälle wie den Missbrauch in der katholischen Kirche oder die Missbräuche auf dem Campingplatz von Lüdge in die Presse und damit in das öffentliche Bewusstsein geschafft. Das macht es für erwachsene Betroffene einfacher darüber zu reden. Gilt das auch für Kinder? Wird ihnen heute eher geglaubt? Gibt es mehr institutionelle Hilfen? Was fehlt?

Das sind spannende Fragen. Ich fange mal mit der einfachsten an. Es gibt auf jeden Fall mehr institutionelle Hilfe und mehr geschulte Kräfte in Institutionen wie der Polizei oder beim Jugendamt. Auch wenn da sicher noch Luft nach oben ist.
Ob Kindern mehr geglaubt wird, kann ich so nicht sagen. Weil das Thema so ein Angstthema ist, gibt es auch viel Verdrängung. Deshalb finde ich es gut, wenn Erwachsene hier wach und aufmerksam sind, ohne in Panik zu verfallen.

Ein anderer Aspekt des öffentlichen Bewusstseins, dass Kindesmissbrauch real ist, ist auch, dass man, also Eltern, Institutionen, die mit Kindern zu tun haben, die Gesellschaft, besser Prävention betreiben können. Nimmst du eine Veränderung seit dem ersten Erscheinen von „Mein Körper gehört mir“ wahr? Wird in Familien mehr darüber geredet? In Kindergärten, in Schulen? Sind Kinder heute besser aufgestellt Nein zu sagen? Können heute mehr Kinder zwischen guten Geheimnissen, die Spaß machen, und schlechten Geheimnissen, die bedrücken und die man daher eigentlich immer weitererzählen sollte, unterscheiden? Was unternimmt die öffentliche Hand?

Was ich wahrnehme ist, dass Eltern sich in der Regel Prävention wünschen. Alle Eltern möchten ihr Kind geschützt wissen, sind aber zum Teil sehr unterschiedlicher Auffassung darüber sind, wie dieser Schutz aussehen soll. Ich erlebe jetzt wieder mehr Eltern, die ihr Kind am liebsten vor allem, was mit Sexualität zu tun hat, fernhalten möchten. Dabei ist, nach meiner Meinung, ein offener Umgang mit dem Thema eine Grundvoraussetzung für die vertrauensvolle Atmosphäre, die ein Kind braucht, um geschützt zu sein. Es geht ja nicht nur um die Vermeidung von Übergriffen, sondern auch um die Möglichkeit, schon in einem frühen Stadium ein Unbehagen oder eine Beobachtung zur Sprache zu bringen.
Diese Offenheit erlaubt auch die Unterscheidung von „guten und schlechten Geheimnissen“ einzuüben, in dem man immer wieder dazu anregt, über die eigene Befindlichkeit zu sprechen.
Was die öffentliche Hand angeht, finde ich es zum Beispiel gut, Sexualkundeunterricht schon so früh wie möglich anzubieten. Ich denke allerdings, dass es für die entsprechenden Vermittler mehr Vorbereitung und Supervision geben müsste. Ganz einfach, weil es gegenüber diesem Thema immer noch eine Scheu gibt. Kinder haben sehr feine Antennen für das Unbehagen, das ein Erwachsener in ein Gepräch mitbringt.

Wenn man der feministische Analyse folgt, ist Missbrauch ein kranker Auswuchs – wie alle sexuelle Übergriffe und Vergewaltigungen – des patriachalen System. Der weiße, heterosexuelle Mann hält am meisten Macht über andere und übt diese auch aus. Frauen, PoC, andere Gender stehen im patriachalen Machtranking unter ihm. Kinder als schwächste und machtloseste in diesem Ranking werden daher am leichtesten zu Opfern. Bei Missbrauch geht es um Macht-über und nicht um Sex. Das ist in vielen Köpfen selbst heute noch nicht angekommen. Was hat sich deiner Meinung nach da in den letzten 25 Jahren getan? Wo siehst du Ansätze, dass etwas getan wird? Was würdest du dir wünschen, was noch geschieht?

Es gibt ja, die „Me-too-Debatte“, bei der es um dieses Machtgefälle geht. Vor diesem ganzen Hintergrund wünsche ich mir eine weitere Debatte darüber, was Sexualität im positiven Sinne sein kann. Nämlich die intime Begegnung zweier Menschen auf Augenhöhe. In den Medien wird der patriarchalisch geprägten Sicht darauf noch viel zu viel Raum gegeben.

Dass das eigene Kind einen Missbrauch erlebt, ist der Alptraum aller Eltern. Wenn das Schreckliche geschieht, bleibt neben der Wut und dem lähmenden Entsetzen oft die Frage: „Was tun?“ Das wirst du sicherlich oft gefragt, aber ich denke, man kann es gar nicht oft genug sagen: Wie helfe ich meinem Kind nachhaltig? Was sind die nötigen Schritte? Was sollte ich besser unterlassen?

Ich fände es gut, diesen „Alptraum“ nicht zu sehr in den Fokus zu nehmen. Das ist leichter gesagt als getan. Ich bin selbst Mutter und weiß, wie viele Ängste man ums eigene Kind auszustehen hat. Wenn ich mal das Thema Straßenverkehr nehme. Da bereite ich mein Kind gut vor, übe mit ihm zum Beispiel alle Schritte, die notwendig sind, um eine Straße sicher zu überqueren und …und…
Ich stärke damit sein Selbstvertrauen und muss irgendwann zulassen, dass es seinen Weg alleine geht. Ich muss loslassen, auch wenn ich weiß, dass der Straßenverkehr eine verdammt gefährliche Angelegenheit ist.
Das gilt auch für das Thema „Schutz vor sexuellen Übergriffen“. Ich kann nicht alles verhindern, aber ich kann mein Kind so weit stärken, dass es den Mut hat „Nein“ zu sagen und kann ihm vermitteln, dass es sich jederzeit Rat und Hilfe holen kann.
Dazu gehört es auch zu vermeiden, die eigene Angst auf das Kind zu übertragen.

Und zu guter Letzt: Was wolltest du immer schon mal zu dem Thema sagen, wirst aber nie danach gefragt?

Danke für diese letzte Frage. Ich wünsche mir, dass das Wort Aufklärung aus unserem Wortschatz verschwindet. Und zwar aus dem Grund, dass das Thema Sexualität so selbstverständlich besprochen werden, wie jedes andere Thema. Womit ich selbstverständlich nicht meine, dass jeder seine intimen Geheimnisse preisgeben soll.

Vielen Dank für das Interview!

Ich bedanke mich auch für die engagierten und spannenden Fragen.

Mehr zu Dagmar Geisler gibt es hier.

So, dann ist erst einmal alles gesagt. Bis zum nächsten Mal!

Mein Körper gehört mir von pro familia & Dagmar Geisler

Rezensionsmontag!

Heute zu einem Buch, dass ich wunderbar finde, und zu einem Thema, das mir sehr am Herzen liegt.
In Deutschland allein werden im Schnitt 40 Kinder pro Tag Opfer von sexueller Gewalt. Die Dunkelziffer ist deutlich höher. Es liegt in der Natur der Sache, dass niemand weiß wie hoch, aber Experten schätzen bis zu 20mal höher.
Diese Zahlen machen deutlich, dass noch viel passieren muss im Kampf gegen sexualisierte Gewalt gegen Kinder. Prävention ist dabei besonders wichtig: Viele Kinder müssen erst lernen, dass es in Ordnung ist, in unangenehmen Situationen Nein zu sagen und klare Grenzen zu setzen, nicht nur wenn es um ihren Körper geht. . Deshalb ist es für Kinder wichtig zu lernen, ihre Gefühle wahrzunehmen und benennen zu können.
Vor 25 Jahren erschien der Ratgeber „Mein Körper gehört mir!“ in Zusammenarbeit mit ProFamilia und Dagmar Geisler, die seit vielen Jahren zu diesem Thema arbeitet. Das Bilderbuch ist ein Klassiker unter den Kindersachbüchern. Nun erschien im Loewe Verlag die erweiterte Jubiläumsausgabe von „Mein Körper gehört mir!“.

Autorin: pro familia
Titel: Mein Körper gehört mir
Illustratorin: Dagmar Geisler
Verlag: Loewe
Seiten: 32

In dem Bilderbuch erklärt das Mädchen Clara, wie wunderbar ihr Körper ist und dass es schöne und unangenehme Berührungen gibt. Schöne Berührungen geniesst sie und bei unangenehmen Berührungen wehrt sie sich und sagt Nein! Sie erklärt, dass alle Kinder das Recht haben und sich Hilfe holen dürfen, wenn dieses Nein nicht akzeptiert wird.
Erweitert ist die Jubiläumsausgabe um die Behandlung digitaler Medien, über die Clara sagt, dass sich kind nicht anschauen muss, was unangenehm und ungewollt ist und dass die Seele genauso wunderbar ist wie der Körper.

Die Sprache des Bilderbuchs ist einfach und klar. Die Sätze sind kurz und prägnant. So können auch Kinder ab fünf Jahren (so die Empfehlung) dem Inhalt sehr gut folgen und den Inhalt verstehen. Erstleser haben schnell Erfolge, da es nur wenige Sätze pro Seite sind, die schnell gelesen sind.
Auch wenn das Thema ernst ist, liegt der Fokus – nicht zuletzt durch die freundlichen Illustrationen – auf der Dualität von angenehmen oder unangenehmen Berührungen. Durch die klare Botschaft, dass der eigene Körper wunderbar ist und Freude bringen soll, und die ebenso klare Aussage, dass zu unangenehmen Dingen Nein gesagt werden darf und soll, macht das Buch keine Angst. Die kleinen Leserinnen und Leser werden sogar aufgefordert das Nein sagen mit Clara zu üben.
Die Illustrationen von Dagmar Geisler sind bunt und bringen beim Betrachten viel Spaß. Fast meint man die Stimme und das Lachen von Clara beim Betrachten zu hören. Zudem ist da der immer wiederkehrende Stoffhase und Teddy und viele kleine Details, die nicht vom Hauptinhalt des Bildes ablenken, sondern ihm zu einer größeren Tiefe verhelfen. Die Mimik der Figuren ist sehr ausdrucksstark, fast schon übertrieben, aber macht es auch Kindern einfach die Emotionen der Dargestellten zu begreifen.
Schön ist auch die Körperlandkarte, die den kleinen Leser*innen hilft, sich spielerisch und kreativ noch weiter mit ihrem Körper auseinanderzusetzen. Dagmar Geisler verfolgt hier einen kunsttherapeutischen Ansatz. Hier können Körperteile zum Beispiel benannt werden (Auch das ist eine wichtige Präventionsmaßnahme. Eine klare Benennung hilft gegen Sprachlosigkeit.) und mit Erfahrungen verknüpft werden und so „in Besitz genommen“ werden.

Ich habe mein „Mein Körper gehört mir!“ mit den Kindern gelesen. Das Buch macht es sehr einfach mit den Kleinen in ein Gespräch über das Thema zu kommen, indem die Aussagen von Clara in eine Frage umgemünzt werden. Wenn Clara sagt: „Ich mag mich und meinen Körper.“, ist die Frage: „Und du? Magst du dich? Und deinen Körper? Was magst du besonders?“ Viel Spaß hatten wir mit der Übung Nein zu sagen, bei der sich zeigte, dass das Selbstbehauptungstraining, an dem die kleine Tigerin und der kleine Drache teilgenommen haben, Früchte trägt.

Das Buch ist nicht umsonst ein Klassiker geworden. Es ist für kleine Kinder durch und durch zu empfehlen!

Mehr zum Verlag gibt es hier und über Profamilia  Darmstadt hier und Dagmar Geisler hier.

So, dann ist erst einmal alles gesagt. Bis zum nächsten Mal!