Interview mit Lilach Mer

Lilach Mer ist die Autorin von Der siebte Schwan und Winterkind. Vor einigen Jahren habe ich eine recht lange Pause von Fantasy gemacht. Ich kann heute nicht einmal mehr sagen, woran es lag. Vielleicht hatte ich mich einfach überlesen, aber ich fand alles, was ich las, unoriginell, unintelligent und schluddrig geschrieben. Inzwischen hat sich der Markt und mit ihm das Angebot aber ziemlich gewandelt und ich lese wieder gerne Fantasy. Eine Autorin, deren Bücher ist sehr mag – wenn auch ihr zweiter Roman keine Fantasy ist -, ist Lilach Mer. Sie hat sich die Zeit genommen und mir ein paar Fragen sehr ausführlich beantwortet.

Deine beiden Bücher haben viel mit Märchen zu tun. Was bedeuten sie dir persönlich? Glaubst du, dass Märchen heute noch eine Bedeutung über „Kinderliteratur“ hinaus für Erwachsene und die Gesellschaft haben? Und warum benutzt du sie so gerne in deinen Geschichten?

Märchen sind das Garn, aus dem meine Kindheit gesponnen war. Ich gehöre zu den Glücklichen, die viel vorgelesen bekamen, als sie das ärgerlicherweise noch nicht selbst konnten. Märchen, alte und neue, sind zusammen mit Volksliedern – wie den hinreißend traurigen „Zwei Königskindern“ – die ersten Geschichten überhaupt, an die ich mich bewusst erinnere. Sie haben mich immer umgeben, beim Buddeln im Garten wie auf dem Weg zur Schule, ein zarter magischer Hauch über allem. Natürlich habe ich mich bei den grässlicheren Geschichten auch ordentlich gegruselt – man denke nur an das Märchen vom Machandelboom oder an Blaubart! Aber das gehörte dazu, und als Kind empfindet man es auch nicht als unmenschlich, wenn Leute aufgegessen oder auch in glühende Eisenschuhe gesteckt werden. Jedenfalls, wie Terry Pratchett einmal sagte, so lange es die „richtigen“, d.h. die bösen, Leute trifft.
Diese Grundbedeutung – dass das Gute am Ende siegt – haben Märchen heute natürlich immer noch. Auch wenn sie seit einer Weile vielleicht eher über Disney-Filme als über Bücher transportiert wird. Das macht aber letztlich keinen Unterschied. Märchen können außerdem offenbar auch ganz direkte und manchmal eher ungute Auswirkungen auf Gesellschaften haben: Bei der Recherche für das „Winterkind“, das ja an Schneewittchen anknüpft, habe ich zum Beispiel gelesen, dass gerade dieses Märchen von amerikanischen Psychologen für enorm schädlich gehalten wird – weil es Mädchen (jedenfalls beim ersten Lesen) dazu ermuntert, immer schön tatenlos liegenzubleiben, bis der Prinz sie rettet (der im wirklichen Leben natürlich meistens nicht kommt). Es gibt sogar ein „Schneewittchen-Syndrom“.
Ich persönlich benutze Märchen unter anderem so gern, weil sie mit den Mythen zusammen unsere „Urgeschichten“ sind, etwas, zu dem wir alle, auch heute noch, eine Beziehung haben. Und weil es einfach verteufelt gute Geschichten sind.

Du magst historische Romane. War es daher naheliegend für dich, deine Romane auch in der Vergangenheit spielen zu lassen? Beide Bücher spielen im 19. Jahrhundert. Warum ausgerechnet in diesem Zeitalter? Was fasziniert dich an der Zeit? Der „Klassiker“ ist ja Viktorianik und Großbritannien … Doch du siedelst die Geschichten im Deutschland des Kaiserreichs an. Warum? Und warum in Schleswig-Holstein und Niedersachsen?

Um ehrlich zu sein, selbst meine Kurzgeschichte „Cirque Indigo“, die ich letztes Jahr mit Rowohlt machen durfte, spielt wieder ungefähr in dieser Zeit … Es ist aber eigentlich nicht das 19. Jahrhundert an sich, das mich so anspricht. Der „siebte Schwan“ spielt ja auch etwas später, kurz vor dem Ersten Weltkrieg. Dieser Krieg ist, glaube ich, die für mich wesentliche zeitliche Zäsur. Man liest oft, mit dem Ersten Weltkrieg habe die europäische Gesellschaft ihre Unschuld verloren – und vieles von dem, was wir uns heute manchmal zurückwünschen, wurde ebenfalls zerstört oder fing an zu zerfallen. Vor allem die Welt der Gutshäuser ging unter. Niemand von uns wird jemals im offenen Einspänner, mit Spitzensonnenschirm und feinen Handschuhen, zum Diner bei den Nachbarn durch duftende Alleen fahren – es sei denn „im Spiel“, und das ist natürlich nicht dasselbe. Trotzdem sehnen wir uns irgendwie danach, obwohl wir wissen, dass diese Schönheit des Lebens für einige mit furchtbarer Plackerei durch andere erkauft war. Vielleicht sogar auch deshalb – das Leben war so einfach damals, von heute aus betrachtet. Ein Dienstmädchen war ein Dienstmädchen, und kaum jemand machte sich groß Gedanken darum, ob es nicht vielleicht unmenschlich war, ein Mädchen wie eine Arbeitsmaschine zu behandeln. Die gesellschaftliche Ordnung wurde nicht hinterfragt. Nichts wurde eigentlich hinterfragt, auch die gewaltigen naturwissenschaftlichen Erkenntnisse dieser Zeit nicht. Wenn man dann den Sprung ein paar Jahrzehnte vorwärts macht und sehen muss, wie vornehme Sonnenschirm-Gesellschaften sich gegenseitig mit Giftgas umbrachten … dann fragt man sich schon, wie die Dinge wohl miteinander zusammenhängen könnten. Ich frage mich das jedenfalls. Deshalb fasziniert mich diese Zeit. Sie ist die unmittelbare Grundlage für so vieles, was heute unser Leben prägt, im Guten wie im Schrecklichen. Und, um auch mal etwas weniger Tiefschürfendes zu sagen: Sie hat mit die allerschönsten Häuser hervorgebracht, die ich kenne …

Außerdem gibt es in dieser Zeit ein bisschen mehr Spielraum für magische oder vielleicht-magische Dinge, weil es noch mehr Natur und weniger Technik gab als heute. Das ist auch einer der Gründe, warum ich meine Geschichten gerne im Norden spielen lasse. Hier ist die Besiedlung nicht so dicht, und die See und der Wind, mächtige Naturgewalten, sind jedenfalls immer zu erahnen. Ein gutes Klima, könnte man sagen, für solche versponnenen Gratwanderungen, wie ich sie gerne unternehme.

Wie sieht es aus, wenn du schreibst? Sitzt du am Schreibtisch und schließt dich ein oder gehst du mit dem Laptop in den Park? Du hast mal gesagt, deine Romane hätten auch stets einen Soundtrack. Wie triffst du deine Musikauswahl? Hörst du bei den gleichen Szenen auch immer wieder die gleiche Musik? Hast du literarische Vorbilder? Und warum gerade diese?

Die erste Vermutung trifft es voll, ich brauche tatsächlich Ruhe zum Schreiben – am besten, wenn überhaupt niemand außer mir zuhause ist oder alle anderen schon schlafen (siehst du meine Augenringe?). Dann kann ich auch vom Schreibtisch den Flur entlang und wieder zurück wandern und dabei vor mich hinmurmeln, ohne mich genieren zu müssen (oder Mitbewohner zu erschrecken). Wenn die Geschichte allerdings schon halbwegs in Fahrt ist, dann nimmt das Ruhebedürfnis etwas ab und ich kann notfalls sogar Geschirrklappern aus der Küche aushalten. Insofern, vielleicht sollte ich es mit dem Laptop im Park auch einfach mal ausprobieren? Vor allem im Moment, wo mein winziges Arbeitszimmer leider durch einen Kaninchenauslauf belegt ist …?

Was die Musik angeht, ich brauche sie oft, um vom „Hauptarbeitstag“, den ich ja mit Juristereien verbringe, umschalten zu können zu meinen Geschichten. Sie hilft mir dabei, schneller wieder in ein bestimmtes Gefühl, eine bestimmte Szene hineinzufinden – deshalb muss es dann wirklich auch immer dieselbe Musik sein, die bei einer Szene läuft. Und ja, die beiden Romane haben tatsächlich jeweils ihre ganz eigene Musik. Ich wühle mich dafür meistens durch meine Klassik-CDs (Gesang darf aber auf keinen Fall dabei sein), bis ich etwas finde, was mir zur aktuellen Stimmung in der Geschichte zu passen scheint. Man muss nur darauf achten, dass die Musik dann nicht quasi die Regie übernimmt – gute Klassikstücke bringen so viel an eigenen Emotionen mit, dass sie den Schwerpunkt einer ganzen Szene verschieben können, ohne dass man es gleich merkt.

Vielleicht sind generell eher Musiker mein Vorbild als Literaten. Musik transportiert Gefühle so direkt wie kein anderes Medium, glaube ich. Und sie malt Bilder in meinem Kopf. Das möchte ich mit meinen Geschichten auch gerne beim Leser erreichen. Ansonsten fallen mir, meine ich, zuallererst immer dieselben zwei Namen ein, was Schriftsteller angeht: Astrid Lindgren und, noch vermessener eigentlich, Thomas Mann, speziell in den „Buddenbrooks“. Beide schrieben auf ihre ganz unterschiedliche Art einfach vollkommen. Da ist kein falsches Wort, kein falsches Komma. Kein schiefes Bild, kein missverständlicher Gedanke. Solche Texte machen mich ganz sprachlos vor Ehrfurcht. Wer noch von den modernen Autoren dazu kommt, ist unbedingt Terry Pratchett. Niemand ist so unfassbar komisch wie er, und niemand gleichzeitig derartig klug, was die menschliche Natur angeht. Leider habe ich rein gar kein Talent zum komischen Schreiben, deshalb kann ich auch ihn nur aus der Ferne bewundern.

Was ist dein nächstes Projekt? Hast du schon mit dem Schreiben begonnen? Wie entwickelst du deine Ideen? Und gibt es schon einen Verlag und womöglich gar einen Erscheinungstermin?

Eigentlich sitze ich momentan sogar an zwei Projekten mit zwei verschiedenen Verlagen – ich weiß immer nicht recht, wie viel man davon schon verraten darf. Also nur so viel: Beide sind wieder etwas eher Phantastisches; eins ist eine Novelle, das andere ein Kurzroman; die Novelle spielt in Deutschland (bisher jedenfalls), dafür aber mal in der Gegenwart, der Kurzroman dagegen wieder in der Vergangenheit, aber – Überraschung! – in Irland. Und beide Bücher werden, wenn alles klappt, relativ bald erscheinen, Ende 2013 und Anfang 2014. Insofern habe ich mit dem Schreiben nicht nur angefangen, sondern muss dringend mal ein bisschen voranmachen … Die Ideen für die Geschichten entwickeln sich übrigens entweder von selbst, also ungefragt, während ich zum Beispiel dösend an der Ampel stehe; oder es kommt eine Grundidee von außen, wie von einem Verlag, und ich drehe und wende sie dann im Kopf hin und her, bis irgendwo irgendetwas einrastet und sagt: Das hier könnte es sein. Das könnte die Geschichte werden.

Und zum Abschluss: Was sind fünf Deiner Lieblingsbücher und was genau gefällt Dir an ihnen so gut?

Au Backe, das ist so eine schwere Frage. Es gibt so viele großartige Bücher, die ich innig liebe. Natürlich Manns „Buddenbrooks“, wie schon gesagt – eine Art Bibel für jeden Schriftsteller, finde ich – und von Astrid Lindgren am allermeisten „Mio, mein Mio“ – ich meine, wie kann man das nicht lieben? Der grausame Ritter Kato mit dem Steinherzen! Die traurigen Kindervögel! Und der treue Freund Jumjum, den man in einem fernen, wundersamen Land findet, von dem man eigentlich immer gefühlt hat, das es nur auf einen wartet … Bei Pratchett halte ich zur Zeit mal wieder „Die Nachtwache“ für das beste, es hat einen tollen, wahnwitzigen Plot und schafft es bei ungeheurem Tempo auch noch, wirklich schwierige Themen wie Folter sensibel zu behandeln. Dazu habe ich mich, wie so viele, in Banks „Die hellen Tage“ verliebt – eine so sanfte und gleichzeitig eigenwillige Geschichte, etwas ganz Seltenes, glaube ich. Sie leuchtet. Und Nummer fünf? „Jonathan Strange und Mr. Norell“ von Susanna Clarke, wo die Zauberei kurzerhand zu einem historischen Faktum erklärt wird und Elfen endlich einmal ihre wahre – recht grausame – Natur zeigen.

Und wenn ich noch etwas Lyrisches dazu erwähnen darf: Ich bin ganz verrückt nach alter angelsächsischer Dichtung, wie „The Wanderer“ und „Wulf and Eadwacer“, was man in etwa mit „Wolf und Wächter“ übersetzen könnte. Diese Gedichte haben, gerade weil sie so fremd sind vielleicht, einen großen Zauber. Sie machen mich leise schaudern, wie gute Literatur das ja eigentlich immer tun sollte dann und wann.

Danke für die Antworten!

Mehr zu den Büchern von Lilach Mer und zu ihrem Schreiben gibt es auf ihrem Blog.

So, dann ist erst einmal alles gesagt. Bis zur nächsten Woche!

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