Winterkind von Lilach Mer

Als Lilach verkündete, sie schriebe ein neues Buch, habe ich mich sehr gefreut. Der siebte Schwan ist eines der Bücher der letzten Jahre, die ich wirklich, wirklich genossen habe. Ich war also voller Vorfreude – auch wenn Lilach sich sehr bedeckt gehalten hat, was das Sujet ihres neuen Projekts angeht. „Egal,“ dachte ich, „das kann nur gut werden!“ Und – um mal vorzugreifen – das ist es.
Ein bisschen habe ich dann doch erfahren, worum es geht, als Lilach an einer Frage zur Toxikologie knabberte und ich ihr einen Freund zur Problemlösung vermitteln konnte. Manchmal macht es sich eben doch bezahlt, wenn man liebe Menschen mit skurrilem Wissen 500 kennt …

Autor: Lilach Mer
Titel: Winterkind
Verlag: Dryas Verlag
Seiten: 279

Niedersachsen, um 1880. Im tiefsten Winter eskalieren die Probleme von Blanka von Rapp. Eigentlich könnte sie glücklich sein: Sie ist schön, ihr Mann reich. Doch das ist nur Fassade: Sie wird von Angst zerfressen und kann das Haus nicht verlassen. Im Herrenhaus wird an den Dienstboten gespart und auch die Arbeiter der Glashütte wollen endlich ihren Lohn. Als dann ihr Mann verreist, die Tochter krank wird und ein Schneesturm niemanden entkommen lässt, kommt es zu einem Moment der Wahrheit. Dem Himmel sei Dank gibt es noch Sophie, die Gouvernante …

Ich habe das Buch gelesen, als draußen der Schnee fiel und es eisig kalt war. Sicherlich hat das geholfen, mich in die Szenerie zu versetzen, aber ich bin mir sicher, dass das eigentlich nicht nötig ist, denn die wundervolle Sprache zieht einen auch so in den Bann der Geschichte! Einige Stellen sind gradezu poetisch und haben mir ein so großes Vergnügen bereitet, dass ich manche Sätze einfach zweimal lesen musste.
Der Aufbau mit den Rückblenden in die Vergangenheit erzeugt Spannung, die den Leser mitfiebern lässt. Weiß man am Beginn noch gar nicht, von wem die Rede ist, ist am Ende das schreckliche Geheimnis er Vergangenheit enthüllt und man versteht die nun auch die Gegenwart. Und dann ist da noch die Märchenstruktur, die die Handlung bestimmt, und die in vielen kleinen Andeutungen – Namen, der Spiegel, das Reh – immer wieder auftaucht und zum einen eine märchenhafte Stimmung erzeugt und zum anderen dem Leser das Gefühl gibt, zu Hause zu sein, dies alles zu kennen und sich daher heimelig und sicher fühlen zu können, auch wenn die Handlung alles andere als beruhigend ist.
Winterkind ist ein historischer Roman, trotz der Märchenstruktur sucht man vergebens nach Phantastik – auch wenn man das Gefühl hat, gleich könnte etwas Phantastisches passieren. Die Atmosphäre des Romans ist dicht wie der wirbelnde Schnee, der das Anwesen der von Rapps von der Aussenwelt abschneidet und die beiden Frauen mit dem todkranken Kind, dem Verrat von geliebten Menschen und dem sich immer weiter steigernden Groll und Zorn der nach ihrer Bezahlung verlangenden Arbeitern alleine lässt. Das Kunststück die Atmosphäre zugleich märchenhaft-verträumt als auch düster-bedrohlich sein zu lassen gelingt Lilach spielend. Wie schon im Siebten Schwan vermengt die Autorin verschiedene Sujets, ohne dass dies störend wirkt; vielmehr entsteht ein homogenes, aber wunderbar vielschichtiges Werk: Winterkind ist zugleich historischer Roman, gothic novel, Märchenadaption, Frauenschicksal und psychologischer Roman.
Die Beschreibung der Lebenssituationen der Frauen und der Arbeiterklasse sind präzise recherchiert und können einem noch viel beibringen, gleichzeitig fliessen alle Beschreibungen in den Roman ein und haben eine Funktion: Sie erhöhen die Spannung, wenn es um einen möglichen Aufstand geht, sie charakterisieren die Figuren und geben ihnen ihre Handlungsspielräume vor, die gebrochen werden können oder eben auch nicht. Sie sind nie Selbstzweck. (Und das ist etwas, das ich an historischen Romanen wirklich verabscheue, wenn zu erkennen ist, das die Autorin hier eine tolle Quelle gefunden hat und unbedingt dieses Wissen unterbringen muss, auch, wenn es den Roman in keiner Weise „voran bringt“.) Persönlich find eich es besonders angenehm, dass Lilach ihre Quellen im Nachwort anspricht und so der interessierten Leserin die Möglichkeit gibt, sich selber weiter zu informieren.
Die Figuren sind durch die Bank weg überzeugend. Alle sind liebevoll charakterisiert und selbst die Nebenfiguren scheinen ein Eigenleben zu haben; als Leserin glaubt man fest daran, dass beispielsweise die Köchin ihr eigenes Leben weiterlebt, wenn die Tür hinter ihr zu geht. Zwar kommen Männer in der Geschichte vor, aber der Fokus liegt eindeutig auf zwei Frauen: Blanka von Rapp und Sophie. Erstere ist die Hausherrin und genauso zart und schön und ätherisch wie die Zeit eine Dame haben möchte. Sophie, die Gouvernante von Blankas Tochter, hingegen ist pragmatisch und vernünftig, freundlich, aber nicht überragend hübsch – ebenso die sich die Gesellschaft es wünscht. Beide könnten kaum unterschiedlicher ein, beide haben an ihrer Vergangenheit zu knabbern, zusammen müssen sie sich der eskalierenden Situation stellen, in denen die Männer sie im Stich lassen und werden so am Ende zu so guten Freundinnen, wie die Zeit es zulässt. Dass dabei vieles unausgesprochen und nur angedeutet bleibt, ist eine der großen Stärken von Winterkind. Nicht nur bei den Figuren und ihren Beziehungen zueinander bleiben „Leerstellen“, die der Leser füllen kann, wie es ihm beliebt, auch das Ende ist offen. Die Probleme sind nicht alle gelöst, aber die Protagonistinnen wissen nun, was sie leisten können – und der Leser bleibt mit dem Gefühl zurück, dass die beiden ihr Leben nun selbst in die Hand nehmen werden und ihr Schicksal mitbestimmen werden.

Mehr zu und über Lilach Mer gibt es hier.

So, dann ist erst einmal alles gesagt. Bis zur nächsten Woche!

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