Interview mit Ruth Omphalius

Ruth Omphalius ist die Autorin von Das geheimnisvolle Universum der Ozeane, das ich vor zwei Wochen rezensiert habe. Sie ist Redakteurin und schreibt interessante und gut verständliche Sachbücher – besonders für Jugendliche: Planet des Lebens, Metropolis – Die Macht der Städte, Der Neandertaler, Klimawandel oder Im alten Griechenland.
Und sie hat sich die Zeit genommen und mir ein paar Fragen beantwortet.

Aus der Widmung und dem Vorwort in Das geheimnisvolle Universum der Ozeane geht hervor, dass du das Meer liebst. Woher kommt diese Leidenschaft?

Diese Frage ist gar nicht so leicht zu beantworten. Ich kann dazu nur sagen, dass mich das Meer mein ganzes Leben lang fasziniert hat. Schon als Kindergartenkind habe ich immer Bilder mit Unterwassermotiven – also Wasserpflanzen, Seesternen, Fischen, Delfinen, Quallen und mindestens einem Oktopus – gemalt, wenn ich mein Thema selbst wählen durfte. In der ersten Klasse dann musste mein Vater immer eine bestimmte Benzinmarke tanken, weil es an der Tankstelle Sammelbilder zu dem Tauchfilm „Menschen unter Haien“ von Hans Hass gab. Diese Sehnsucht nach dem Meer war eigentlich schon immer da. Leider kann ich nicht am Meer wohnen, aber wenn ich nicht ein paar Mal im Jahr am oder auf dem Meer bin, fehlt mir etwas Wichtiges.

Was genau fasziniert dich an den Ozeanen?

Die gewaltigen Dimensionen! Blickt man aufs Meer – ganz egal ob aus der Luft, vom Strand aus oder vom Deck eines Schiffes: Dieser Illusion von Unendlichkeit kann man sich einfach nicht entziehen, ich jedenfalls nicht. Der Anblick der Wassermassen verändert jedes Mal meine Wahrnehmung. Manchmal verstärken sich Gefühle und ich kann meine Emotionen einfach besser deuten. Oder irgendein Problem, das mir vorher unlösbar erschien, verliert ganz plötzlich an Bedeutung. Ich empfinde es immer so, als ob frischer Seewind den Alltagsstaub von den Dingen pustet und das Hirn frei macht. Aber es ist nich nur das. Meere sind einfach geheimnisvoll! Wo gibt es heute sonst noch etwas zu entdecken auf unserem Planeten? Wo leben unerforschte Tier- und Pflanzenarten? Wo gibt es ungehobene Schätze?

Hat deine Vorliebe auch einen praktischen Bezug wie tauchen, schwimmen oder segeln?

Ja, natürlich. Ich bin schon mit allen möglichen Vehikeln auf den Meeren herum gedüst: Vom glamourösen Kreuzfahrtschiff bis zur rostigen Fähre, vom modernen Hochseetrawler bis zum ghanaischen Einbaum mit Segeln aus vernähten Säcken, vom indonesischen Auslegerkanu bis zum schnellsten Segelboot der Welt, dem französischen Hydroptère. Ich schwimme auch sehr gern, aber nicht unbedingt im Meer. Da möchte unbedingt sehen, was unter mir ist. Das scheint wohl ein Urinstinkt zu sein. Schnorcheln gefällt mir schon besser und am schönsten finde ich Tauchen mit Gerät. Da fühle ich mich wirklich als Teil des Ganzen.

Über die Meere gibt es so viel zu sagen. Wie hast du die Auswahl deiner Themen für Das geheimnisvolle Universum der Ozeane getroffen?

Du hast völlig recht! Die Meere halten unendlich viele Themen bereit und selbst wenn ich 2200 statt 220 Seiten hätte schreiben dürfen, gäbe es jede Menge weiteren Stoff. Da ich in der glücklichen Position war, gleich von Anfang an zu wissen, wie lang das Buch werden durfte, habe ich praktisch schon bei der Recherche und später noch einmal beim Schreiben Themen immer wieder hinterfragt und Schwerpunkte gesetzt. Einige Dinge sind einfach Basiswissen. Zum Beispiel die Frage, wie ein Meer entsteht, oder ob es auch wieder vergehen kann, muss einfach in einem solchen Buch gestellt werden. Allerdings ging es mir nie darum, nur Fakten aneinanderzureihen, ich erzähle einfach zu gern. Es gibt so tolle Geschichten, die aber kaum irgendwo nachzulesen sind, weil häufig nicht der Platz (oder in der Fernsehdokumentation die Zeit) dafür da ist. In solche Geschichten verliebe ich mich gelegentlich, wie zum Beispiel die Geschichte mit den Minielefanten, deren Fossilien man für Zyklopenüberreste hielt. Neben den relevanten Sachthemen und den schönen Anekdoten interessiere ich mich außerdem für Wissenschaftsgeschichte. Es war mir wichtig zu zeigen, dass bestimmte Fragen noch immer nicht endgültig beantwortet sind, z.B. woher genau das Leben stammt und wie es entstanden ist. Ich möchte meinen Lesern eine Ahnung davon mitgeben, dass es sich durchaus lohnt, selber über diese Dinge nachzudenken. Außerdem wäre es schön, wenn deutlich wird, dass Wissenschaft eben auch nicht wertfrei im Raum steht, sondern gelegentlich vom jeweiligen Zeitgeist und der Person eines bestimmten Forschers abhängig ist. Schließlich musste ich einige Tiere auswählen, die einerseits selbst attraktiv und interessant sein sollten, andererseits aber exemplarisch für übergeordnete Themen wie Anpassung, Evolution stehen sollten. Besonders schön war es, wenn sie auch noch aktuell erforscht wurden. Naja, die Anforderung entspricht so ungefähr der eierlegenden Wollmilchsau – nur eben im Meer. Ich habe mich dann dafür entschieden, ein Kapitel über Raubtiere zu machen, weil man anhand von Raubtieren auch ganz gut über die unterschiedlichen Lebensräume, Räuber/Beutebeziehungen und natürlich unsere Rolle in Bezug auf die Meeresbewohner etwas sagen kann. Ich habe mich auch entschlossen, nicht linear zu erzählen, sondern heute zu beginnen und immer weiter in die Vergangenheit vorzudringen. Auf diese Weise wird der Leser von alten Bekannten, wie dem Weißen Hai, zum völlig unbekannten Räubern wie Anomalocaris mitgenommen. Am Ende schließt sich der Kreis, wenn wir in die Zukunft blicken. Erstaunt stellen wir fest, dass ausgerechnet die ältesten Überlebensstrategien, nämlich die der Quallen auch in Zukunft zu funktionieren scheinen. Sie sind schon so lange auf der Welt und werden womöglich all die Superräuber der Vergangenheit und Gegenwart überdauern. Das klingt jetzt recht verkopft, wenn ich im Nachhinein meine Motive zu erklären versuche. Tatsächlich habe ich natürlich viele Entscheidungen ganz instinktiv getroffen und letztlich manchmal wahrscheinlich einfach das erzählt, was mich selbst am meisten interessiert hat.

Inwieweit waren die Fernsehsendungen wichtig für das Buch und haben Einfluss genommen?

Ich mache und betreue jetzt seit über 15 Jahren Dokumentationen für das ZDF. Mein erster eigener Film war ein Magazinbeitrag von 8 Minuten über Harpuneris im Mittelmeer, 2007 habe ich mit dem Astronauten Thomas Reiter als Moderator einen ersten 45-minütigen Film über die Ozeane gemacht, für den wir auf allen Weltmeeren unterwegs waren. Der Dreiteiler mit Frank Schätzing schließlich war die größte Produktion über Ozeane, an der ich beteiligt war. Diese Filme und viele andere haben mich in dem Sinne beeinflusst, dass ich bei jedem Projekt viel gelernt habe und viele eigene Erfahrungen machen durfte. Ich glaube, das ist in dem Buch spürbar. Ich habe außerdem sehr interessante Menschen kennengelernt während meiner Dreharbeiten. Frank Schätzing beispielsweise war so freundlich, ein Vorwort für das Buch zu schreiben. Ihn kenne ich, seit er den Dreiteiler „Universum der Ozeane“ moderiert hat. Der Wissenschaftler Colin Devey war als Experte für einen der Filme tätig und ich durfte ihn im Buch zitieren. Natürlich gibt es viele Wechselwirkungen zwischen meiner Arbeit als Filmemacherin und Redakeurin auf der einen und als Sachbuchautorin auf der anderen Seite. Einerseits habe ich gelegentlich schon so viel Recherchematerial für eine Sendung aufgehäuft, dass es einfach naheliegend war, auch ein Buch zu schreiben, weil es noch so viel gab, was ich zu einem Thema gern gesagt hätte. Andererseits können meine ausführlichen Buchrecherchen auch dazu führen, dass ich einen Film zu einem bestimmten Thema anbiete.

Und warum hast du ein Sachbuch für Jugendliche und nicht für Erwachsene geschrieben?

Ehrlich gesagt, finde ich den Unterschied gar nicht so groß. Ich habe auch schon einige Sachbücher für Erwachsene geschrieben (,zuletzt bei rowohlt über den Neandertaler). Auch da habe ich versucht, die Dinge so verständlich wie möglich zu erklären, Geschichte und Geschichten zu erzählen und eigene Gedanken zum Thema einzubringen. Ein bisschen könnte die Entscheidung für Jugendliche zu schreiben mit meiner Tochter zu tun haben, die ich mir beim Schreiben häufig als Leserin vorstelle. Witzigerweise habe ich bei Arena mit einem Erstlesebuch angefangen, als sie noch in die Grundschule ging, und habe mich dann mit der Zeit an ältere Leserinnen und Leser herangeschrieben.

Neben Familie und einem anspruchsvollen Job als Redakteurin es noch zu schaffen Bücher zu schreiben, ist beeindruckend! Wie bekommst du das hin? Wie sieht das Schreiben bei dir aus? Ist dein Arbeitsalltag eher chaotisch oder extrem durchgeplant?

Im Alltag wirkt das, glaube ich, gar nicht so beeindruckend. Es bleibt auch mal was liegen und oft genug schaffe ich es auch nicht zu schreiben, obwohl mir genug im Kopf herum geht. Ich bin ein ziemlicher Nachtmensch und schreibe meistens abends und nachts – manchmal nur kleine Texte, dann kann es mich aber auch mitreißen und ich tippe viele Seiten (die ich später stark überarbeiten muss, weil ich erstmal nur Gedanken formuliere und alle Facts nachrecherchieren muss. Am besten funktioniere ich kurz vor dem Abgabetermin, wenn genügend Druck herrscht. Ich glaube, es gehört beides dazu. Ohne Planung verliert man den Überblick und gerät auch in die Gefahr, dass man Dinge nicht zu Ende führen kann. Nicht fertiggestellt Projekte sind einfach zu frustrierend. Andererseits kann ein chaotischer Zugriff auf die Dinge etwas befreiendes haben. Vielleicht kommt man nicht unbedingt auf seine gewünschte Seitenzahl pro Tag, aber das Geschriebene spiegelt vielleicht die Begeisterung, die ich eben an einem bestimmten Tag zu einer bestimmten Zeit empfunden habe (Auch wenn der nächste Morgen dann gelegentlich ziemlich anstrengend ist…).

Wie sind deine Pläne für die Zukunft? Mehr schreiben oder redaktionelle Arbeit?

Ach, am liebsten würde ich von beidem ganz viel machen, dazu noch den ein oder anderen Film selbst realisieren und vielleicht sogar mal was Fiktionales schreiben. Irgendwie hat so ein Tag zu wenige Stunden…

Gibt es schon ein neues Buchprojekt, an dem du dran bist?

Ja, ich bin schon wieder eifrig am Schreiben. Es wird wieder eine Zusammenarbeit mit Arena geben, allerdings ist es noch ein bisschen früh, um darüber zu reden.

Du hast bisher immer in renommierten Verlagen veröffentlicht. Wie wählst du sie aus? Bietest du ein fertiges Buch an oder entwickelst du mit dem Verlag das Projekt?

Bisher habe ich immer ausführliche Konzepte an die Verlage geschickt, deren Bücher ich selbst mag oder auch für meine Tochter gut finde. Natürlich musste so ein Verlag auch das Risiko tragen wollen, einer Person einfach einen Buchauftrag zu geben. Rückblickend kann ich es kaum glauben, dass Verlage mir ein solches Vorschussvertrauen entgegengebracht haben. Ich konnte damals zwar nachweislich Filme machen, aber wie es mit dem Schreiben steht, blieb ja erst noch abzuwarten. Mit den Jahren ist das Risiko natürlich kleiner geworden, weil mich mehr Leute kennen und durch meine bisherigen Bücher einschätzen können. Trotzdem bin ich froh, dass ich auf dieser Basis schreiben kann. Müsste ich neben meinem Job ein Buch schreiben ohne die Hoffnung auf Veröffentlichung, würde wohl wenig dabei herauskommen.

Und zum Abschluss: Was sind fünf Deiner Lieblingssachbücher und was genau gefällt Dir an ihnen so gut?

Wow, das ist schwierig!!! Ich lese so viele Sachbücher zu Recherchezwecken und natürlich gibt es jede Menge tolle darunter. Mein berufliches Leseverhalten ist natürlich vor allem davon geprägt, möglichst schnell an Informationen zu kommen. Privat lese ich wahrscheinlich so wie die meisten – ziemlich querbeet. Bei einigen Büchern ist der Inhalt neu und beeindruckend. Bei anderen geht es mir mehr um eine neue Herangehensweise oder manchmal hat mir auch einfach der Stil so gefallen, dass ich sie mit Freunde gelesen habe. Es gibt natürlich auch Bücher, die über lange Zeiträume faszinierend bleiben, gerade weil ich sie nicht völlig verstehe – zum Beispiel „Eine kurze Geschichte der Zeit“ von Stephen Hawkin (rororo). Ich zähle einfach mal ein paar Titel auf, die mir in letzter Zeit aufgefallen sind:

Im Moment lese ich gerade „Bluff. Die Fälschung der Welt“ von Manfred Lütz, erschienen bei Droemer. Das Buch ist vor allem interessant für alle Fernsehleute – schließlich bewegen wir uns ja immer auf dem schmalen Grad zwischen Schein und Sein. Auf meinem Lesetisch liegt außerdem „Weiße Nelken für Elise“ von Beate Schaefer (Herder). In diesem Sachbuch geht es einmal mehr um das Leben im Dritten Reich. Ungewöhnlich daran ist allerdings der Blickwinkel. Die Protagonistin war gezwungenermaßen Prostituierte in einem Bordell der Wehrmacht.
Ein Buch, das ich schon länger habe, aber immer mal wieder gern zur Hand nehme, ist die „Reise um die Welt“ (Eichborn). In dem schönen Band sind Originaltexte und Illustrationen von Georg Forster abgedruckt, der 1772 mit dem berühmten Kapitän James Cook unterwegs war. Forster war ein ganz unglaublicher Typ – ein Entdecker, der allerdings dringend wiederentdeckt werden musste. In Sachen Kinder- und Jugendsachbuch gefallen mir zum Beispiel die Bücher von Luca Novelli sehr gut. Vor kurzem habe ich „Marie Curie und das Rätsel der Atome“ (Arena) in die Finger bekommen und sehr gern gelesen.
Wenn Du jetzt fragst: Und wo bleibt nun das Meer? Da gebe ich gern zu, dass es im Moment zwar nicht auf meinem Sachbuchstapel vertreten ist, wohl aber auf meinem Krimistapel. Ganz obenauf liegt dort „Ostfriesenangst“ von Klaus-Peter Wolf (Fischer). Ganz ohne geht es eben nicht!

Das war’s, glaube ich. Vielen Dank für Dein Interesse an meinem Buch.

Vielen Dank für die ausführlichen Antworten!

Mehr zu den Büchern von Ruth Omphalius bei Arena gibt es hier.

So, dann ist erst einmal alles gesagt. Bis zur nächsten Woche!

Advertisements

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s