Interview mit Susanne Gerdom

Susanne Gerdom ist die Autorin von Ellorans Traum (als Frances G. Hill), Anidas Prophezeiung, Die schwarze Zitadelle, Das Herz der Welt, Elbenzorn, Die Seele der Elben, Der Nebelkönig, Sturm im Elfenland, Elidar: Magierin der Drachen, Das gefrorene Lachen, Last Days on Earth (als Julian Frost). Sie schreibt wunderbar atmosphärische Fantasy, die mich wieder daran erinnert hat, warum mich das Lesen einmal so sehr verzaubert hat.
Und sie hat sich die Zeit genommen und mir ein paar Fragen beantwortet.

Du bist ja eine echte Vielschreiberin. Drei Bücher pro Jahr sind eine sehr beeindruckende Leistung! Wie schaffst Du dieses Pensum? Wie sieht Dein Schreiballtag aus? Hast Du überhaupt noch Zeit um beispielsweise mit Deinen Katzen zu spielen?

Frag mal meine Katzen … Aber ja, das muss drin sein. Außerdem bin ich die Dosenöffnungsbeauftragte im Haus.
Mein Schreibpensum ist eigentlich recht normal. Ich habe im Moment drei Verlage, die einmal im Jahr etwas von mir haben wollen – damit muss ich dann halt klarkommen. Ich habe eine kurze Planungsphase, in der das Projekt mit dem Lektorat festgezurrt wird, dann schreib ich das kurz zusammen, damit die Programmkonferenz, die Vertreter, die PR und die Graphikabteilung (fürs Cover) etwas in der Hand haben, und dann lege ich los.
Bei einem Schnitt von sechs, sieben Seiten am Tag Output ist das ganz gut zu managen. Neben der reinen Schreibarbeit fällt natürlich noch Zeit für die Recherche an, dann die gesamte Nachbereitung: Lektorat, Umbruch usw. … aber das geht alles in der Regel ganz gut Hand in Hand.

Etwas, das Deine Bücher wirklich auszeichnet, ist die dichte und den Leser ins Buch hineinziehende Atmosphäre. Was ist Dein Geheimnis? Liegt es am Schreibprozess? Hörst Du eine bestimmte Musik, die Du dann
zu Worten transformierst? Oder inspirieren Dich Dinge, die Du in Deinem bewegten Leben erlebt hast?

Hm. Ich tauche in meine Geschichten ein, bis ich sie wie einen Film ablaufen sehe, und was ich dann vor dem inneren Auge habe, versuche ich aufs Papier zu bringen. Mehr nicht.
Da steckt kein großes Geheimnis hinter … ich bin allerdings pingelig, was die Sprache angeht. Die muss als Erstes stimmen. (Jetzt mal abgesehen von der Keimzelle jedes Projektes: Den Figuren.)
Ich habe gerade ein Buch beendet, das im Wien des ausgehenden 19. Jahrhunderts spielt – da ist die Sprache natürlich eine andere als bei meinem jetzt aktuellen Projekt, das hier und jetzt und mit einem 16-17jährigen Ich-Erzähler spielt. Die Umstellung in meinem Kopf passiert aber beim Schreiben, und es ist immer wieder toll, diesen Prozess mitzuerleben.
Musik hören – das habe ich früher, als ich noch ein „eigenes“ Schreibzimmer hatte, viel und laut gemacht. (Wobei ich irgendwann die Musik gar nicht mehr wahrnehme, wenn ich wirklich im Flow bin.) Heute sitze ich in einem schönen, großen Arbeitszimmer, das ich mir mit meiner Familie teile (und in der Regel mit mindestens drei von vier Katzen …), da wäre das störend. Ab und zu setze ich Kopfhörer auf, aber in der Regel ist es mir lieber, wenn ich mich auf den Text konzentrieren kann. Ich liebe Oper – aber Gesang lenkt ab ;-).

Wie bist Du zu Deinem Genre gekommen? Warum schreibst Du Fantasy? Ich bin sicher ein atmosphärischer Thriller von Dir wäre auch extrem lesenswert! Woher kommen Deine Ideen? Hast Du Vorbilder in der Fantasy- oder anderer Literatur? Was findest Du an ihnen beeindruckend?

Ich habe schon mein ganzes Leseleben lang gerne fantastische Literatur gelesen, wobei ich gar kein ausgesprochener „Fantasy“-Fan bin. Ich mag zum Beispiel so gut wie keine High-Fantasy. Ich lese sehr gerne Krimis, ab und zu auch gute Thriller, ich bin ganz vernarrt in die Literatur des 19. Jahrhunderts, ich lese immer noch supergerne Kinderbücher … also, meine Lesegewohnheiten sind relativ breitgefächert, und das fantastische Element ist ein Faden, den ich quer durch die Genres immer wieder gerne suche und finde.
Einen Thriller zu schreiben würde mich auch reizen, und einen ersten Versuch in die Richtung habe ich für Piper auch schon unternommen – wobei das dann eher ein Krimi geworden ist. Am Tempo arbeite ich noch *g* (Wen es interessiert: Julian Frost – Last Days on Earth. Ein Fantasy-Thriller-Krimi. ;-))
Aber in der Fantastik bin ich einfach zu Hause, das schreibt sich von ganz allein. Wenn ich das fantastische Element komplett weglassen müsste, fiele mir das relativ schwer.

Vorbilder in dem Sinne habe ich nicht. Ich probiere mit jedem Buch etwas für mich Neues aus, und sicherlich ist das Meiste davon so oder in ähnlicher Form auch schon mal dagewesen. Das ist aber auch beinahe unvermeidlich.

Du schreibst ja auch unter Pseudonym. Warum? Und gibt es für Dich einen Unterschied zwischen den Büchern, die Deinen Namen tragen, und den anderen? Wie ist überhaupt Dein Verhältnis zu Deinen Büchern, wenn sie erst einmal fertig geschrieben, überarbeitet und dem Verlag überantwortet sind? Was sind Deine aktuellen Projekte? Und auf was kann ich mich in diesem Jahr von Dir freuen?

Ich schreibe unter Pseudonym, weil meine Verlage das aus bestimmten Gründen gerne so hätten. Sei es, dass ich bei zwei verschiedenen Verlagen den gleichen Sektor bediene (Jugendbuch), sei es, dass ich bei einem Verlag zwei unterschiedliche Genre-Unterschubladen schreibe (Piper mit High Fantasy und einem Urban Fantasy-Thriller). Das soll die KäuferInnen vor Fehlkäufen bewahren. Oder was weiß ich. 🙂 Ich persönlich könnte gut darauf verzichten. Wenn ich ein Buch signiere und erstmal aufs Titelblatt sehen muss, damit ich den richtigen Namen reinschreibe – das ist schon blöd.

Mein Verhältnis zu meinen Büchern? Ach du Schreck. Also, mein Lieblingskind ist immer das derzeitig aktuelle Projekt. (Das gilt bis zum Erscheinen.) Dann vergesse ich die „Alten“ und kümmere mich nur noch um die Frischlinge, das geht nicht anders. Wenn ich eine Leserunde zu einem meiner älteren Bücher habe, muss ich das immer auch selbst erst mal wieder querlesen, sonst weiß ich nicht, was drinsteht. Oder wie die Protagonisten heißen. 😉

Was bringt dieses Jahr? In diesem Monat erscheint bei Piper der besagte Fantasy-Thriller „Last Days on Earth“. Ich finde, dass es ein ganz gut gelungener Krimi geworden ist, der sich (ganz am Rande) mit der Endzeittheorie rund um die Lange Zählung des Mayakalenders beschäftigt. Aber wirklich nur ganz am Rande. Ansonsten geht es um Morde, Diebstähle und den Versuch, die Erde zu vernichten. 🙂

Dann kommt im Juli mein zweites „Frances G. Hill“-Buch bei ArsEdition heraus: Drachenhaut. Orientalisch, abenteuerlich, mit Gestaltwandlern und Drachen, Wüstenleuten und Magie. Das Cover ist übrigens wieder der Hammer!

Aktuell im Lektorat liegt bei Ueberreuter der Anfang einer Reihe (zwei oder drei Bände, ich weiß es nicht genau): Æther… ahhh … entweder Ætherkrieg oder Æthermagie, die Entscheidung ist noch nicht gefallen. Das ist das Buch, das in Wien spielt, Ende des neunzehnten Jahrhunderts. Ein, wie ich selbst finde, spannendes Steamfantasy-Projekt, das ein für meine Verhältnisse ungewöhnlich hohes Tempo fährt, mit vielen Personen und unterschiedlichen Schauplätzen. Das hat mich gleichzeitig in die Verzweiflung getrieben und sehr viel Spaß gemacht … Das erscheint im Herbst.

Und mein WiP (Work in Progress) ist wieder ein Jugendbuch für ArsEdition, diesmal ganz was anderes als sonst: Eine Geistergeschichte, die hier und jetzt spielt. Ich habe die ersten dreißig Seiten geschrieben und glaube, es wird gut. 🙂 (Und wenn nicht, macht Ars ein superschönes Cover dafür, das reißt alles raus … *veg*)

Und zum Abschluss: Was sind fünf Deiner Lieblingsbücher und was genau gefällt Dir an ihnen so gut?

Ich habe keine Lieblingsbücher. Ich bin buchsüchtig, schon seit frühester Jugend. Sorry. Aber wenn ich Lieblingsbücher hätte, dann stünden sicherlich eine ganze Reihe der Terry-Pratchett-Titel auf der Liste. Und einiges von Neil Gaiman. Und Jane Austen, Erich Kästner, Dorothy Sayers, Stephen King, William Shakespeare, Charles Dickens, Matt Ruff … also, da gibt es schon eine Menge guter Bücher!

Danke fürs Fragen!

Danke für die Antworten!

Mehr zu den Büchern von Susanne Gerdom und zu ihrem Schreiben gibt es auf ihrem Blog.

So, dann ist erst einmal alles gesagt. Bis zur nächsten Woche!

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Ein Kommentar zu “Interview mit Susanne Gerdom

  1. Das ist ein wirklich schönes Interview, vielen Dank für die gelungenen Fragen und tollen Antworten! 🙂 Bei einer Frage war ich allerdings doch ein wenig… ein ganz klein bisschen… entsetzt. Literaturjunkie, du willst Susanne tatsächlich von der Fantastik fortlocken? Oha. Du kannst es doch erstmal auch mit den Va… Va… Nachtgeborenen versuchen – aber ich hab dich noch gar nicht im Leserunden-Thread gesehen. 😉 Ich freu mich jedenfalls, dass dir bei Susannes Büchern auch die Atmosphäre so gut gefällt. (Kennst du eigentlich die AnidA-Reihe?)

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