Der siebte Schwan von Lilach Mer

Ich habe vor einigen Jahren eine recht lange Pause von Fantasy gemacht. Ich kann nicht einmal genau sagen, woran es lag. Vielleicht hatte ich mich überlesen, vielleicht stimmte ja aber auch mein Gefühl, dass das ganze Zeug unoriginell, unintelligent und schluddrig geschrieben war. Inzwischen hat sich der Markt und mit ihm das Angebot aber grundlegend gewandelt. Viele, viele deutsche Autoren sind und werden verlegt und es gibt auch immer mehr „weibliche“ Fantasy. Ein ganz wunderbares Beispiel dafür ist Lilach Mers Der siebte Schwan.

Autor: Lilach Mer
Titel: Der siebte Schwan
Verlag: Heyne Verlag
Seiten: 556

1913 lebt in Schleswig-Holstein die vierzehnjährige Wilhelmina Ranzau auf dem Gut ihres Vaters und ist ein verträumtes Mädchen, das ihre Zeit am liebsten auf dem Dachboden mit der Musik einer alten Spieluhr verbringt. Sie steht auf der Schwelle dazu eine junge Dame zu werden; bald ist ihre Konfirmation. Mehr durch Zufall belauscht sie eine Gespräch zwischen Dr. Rädin, dem Arzt, den sie schon ihr Leben lang kennt, und ihren Eltern und erfährt, dass sie zwei Brüder hatte, die als Verrückte weggebracht wurden, und dass der Doktor auch sie selbst für verrückt hält und auch sie weggebracht werden soll.
Mina läuft weg, mehr aus Versehen und entgeht mit der Hilfe von Herrn Tausendschön, einem Kater ihren Häschern. Als sie die Katze sprechen hört, fängt auch sie an ihrem Verstand anzuzweifeln, doch sie gelangt zu den Tatern – fahrendes Volk – und findet dort Hilfe und Mitgefühl, aber auch Missgunst und Gefahr. Denn sie entscheidet sich dafür herauszufinden, was mit ihren Brüdern geschehen ist und wo sie nun sind. Sie möchte sie retten. Doch die Wahrheit zu finden, ist im besten Falle schwierig und fordert im schlimmsten Falle einen Preis, der höher liegt als das Leben. Doch Mina stellt sich den Gefahren auf ihrem Weg durch ein verzaubertes, mit Sagengestalten bevölkertes Schleswig-Holstein.

Ich kann gar nicht sagen, was mir an Der siebte Schwan am besten gefallen hat: die Märchenstruktur oder die wundervolle Sprache! Letztere kommt an einigen Stellen gradezu poetisch daher und war immer wieder ein Vergnügen zu lesen. Manche Sätze musste ich voller Genuss zweimal lesen. Die Märchenstruktur, die die Handlung bestimmt, ist nahe am Mythos, an dem, was uns Menschen seit Alters her bewegt hat, und sorgt so dafür, dass auch die Geschichte dicht an dem Ursprünglichen bleibt. Vielleicht ist das – neben den ausgesprochen sympathischen Figuren – der Grund, dass mich das Buch sehr bewegt hat.
Das Worldbuilding in einem phantastischen Roman ist eine Gratwanderung. Zum einen gibt es da die „realistische“ Welt und auf der anderen Seite die Welt des Anderen, des Wunderbaren. Viele Autoren reden diese Magie kaputt, indem sie zuviel beschreiben und erklären. Lilach gelingt es jedoch mit ihren Beschreibungen sowohl das wilhelminische Schleswig-Holstein als auch die Welt der Tater voller Magie, Märchen und Sagen mit einer Leichtigkeit zu beschreiben, dass beides dem Leser klar und völlig natürlich vor Augen steht. Eine Lieblingsszene aus so vielen guten Szenen auszuwählen ist immer schwierig, aber ich liebe einfach – das muss ich einfach spoilern! – die Teufelsbeschreibung in diesem Buch! Es ist lange her, dass ich eine so gelungene und so gruselige Beschreibung einer Teufelsbegegnung gelesen habe. Die Verwebung von Sagen in den phantastischen Roman ist einfach wirklich gut gelungen und sorgt für eine dichte, phantastische, geradezu mit Händen greifbare Atmosphäre.
Und was mich auch sehr beeindruckt hat, war, wie leicht und fließend Genregrenzen überschritten werden, so dass es kaum auffällt. Aber an einigen Stellen scheint man einen historischen Roman zu lesen, an anderen Phantastik, dann wieder eine Coming-of-Age-Geschichte und schließlich gibt es auch noch eine gehörige Prise Horror.
Die Figuren sind wunderbar. Allen voran natürlich Mina, die ein gefährliches Abenteuer zu bestehen hat, aber auch die Tater – Lilja, Nad, Rosa, Pipa – und Herr Tausendschön sind genauso wie Tante Elisabeth oder Dr. Rädin greifbar und voller Tiefe. Alle Figur wirken, als warteten sie nur darauf, dass man noch einmal zu ihnen zurückkehrt, weil sie noch eine Geschichte zu erzählen haben und noch eine und noch eine.
Auch wenn es keine wirklichen Illustrationen im Buch gibt, sind den verschiedenen Abschnitten ganz wunderhübsche „Zinken“ vorangestellt. Kleine Bildchen, die der aufmerksamen Beobachterin schon verraten, worum es im nächsten Abschnitt gehen wird und die von tatsächlichen Zinken inspiriert sind.
Das Ende des Buchs hat mich traurig gemacht. Es war hart, nach so viel wundersamer Magie und berückendem Zauber auf diese höchst unsanfte und grauenvolle Art wieder in die Realität geholt zu werden. Aber zusammenfassend ist es ein ganz märchenhaft schönes Buch: bewegend, zauberhaft und sehr intelligent.

Mehr zu und über Lilach Mer gibt es hier.

So, dann ist erst einmal alles gesagt. Bis zur nächsten Woche!

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