Spiegelkind von Alina Bronsky

Zum Bloggertreffen des Arena Verlags – Ich habe davon berichtet. – hat jede Teilnehmerin eines von zwei Büchern aus dem aktuellen Verlagsprogramm geschickt bekommen, so dass wir eine gemeinsame Grundlage zum Diskutieren über Rezensionen hatten. Ich gehörte zu der Gruppe, die Spiegelkind von Alina Bronsky gelesen hatte.

Autor: Alina Bronsky
Titel: Spiegelkind
Verlag: Arena Verlag
Seiten: 302

Juli, die Ich-Erzählerin, ist ein Teenager in einer dystopischen Gesellschaft, die vermutlich in unserer Zukunft liegt. Alles und jeder ist darauf ausgerichtet „normal“ zu sein. Und normal zu sein bedeutet angepasst zu sein, nicht aufzufallen, alles so zu machen, wie es auch alle anderen tun. Juli lebt ihr Leben und macht sich um all das keine Gedanken. Selbst die Scheidung ihrer Eltern nimmt sie hin und hält sie für normal, bis eines Tages ihre Mutter verschwindet. Alles deutet darauf hin, dass sie entführt wurde, doch die Polizei scheint der Sache nicht nachgehen zu wollen. Ihr Vater wirkt seltsam zufrieden mit der neuen Situation und ihre Großmutter väterlicherseits beginnt das Haus von den Bildern, Quadren genannt, die Julis Mutter gemalt hat, zu befreien und es ganz normal herzurichten.
Juli ist unglücklich – und sie ist damit allein. Die Erwachsenen in ihrem Leben scheinen plötzlich nicht mehr auf ihrer Seite zu stehen, ihren beiden kleinen Geschwistern will sie nicht belasten und Freunde hat sie nicht. Nur Bekanntschaften sind normal.
Doch dann kommt Ksü auf das Lyzeum, die Eliteschule, auf die auch Juli geht. Und die ist so anderes, dass sie fast wie ein Freak – eine gefährliche Sekte gesetzloser Herumtreiber – wirkt. Juli will nichts mit ihr zu tun haben, doch ehe sie sich’s versieht, ist Ksü ihre einzige Verbündete. Und die einzige, die ihr mehr über die geächtete, gefürchtete Rasse der Phee erzählen kann, zu der ihre Mutter gehört.

Der Aufbau von Spiegelkind ist wirklich kunstvoll konstruiert. Kleine Texte zum Beginn der Kapitel, die wie Zitate wirken und Schlaglichter auf das Geschehen werfen, tauchen am Ende des Buchs wieder auf und ergeben einen kompletten Abschnitt. Außerdem wird mit den Erzählzeiten gespielt. Der Großteil des Buchs ist in der klassischen Erzählzeit Präteritum geschrieben, doch am Ende kommt die Geschichte dort an, wo auch die Heldin gerade ist. Nun sind wir mit ihr in ihrer Gegenwart und die Erzählzeit wechselt ins Präsens, wodurch Spannung aufgebaut wird. Dies ist keine Rückschau mehr, wir sind mitten drin – auch als Leser. Ebenso ist es am Anfang. Es gibt eine Szene im Präsens. Der Leser wird wie Juli Zeuge von etwas, das gerade passiert, und doch ist es schon lange her. Durch dieses Paradoxon wird die Hauptfigur Juli von Beginn an in ein besonderes Licht gestellt. Der Roman liest sich flüssig und leicht; die Sprache ist klar und verständlich, wie bei einem Jugendbuch zu erwarten.
Das Worldbuilding – bei einer Dystopie sicherlich ein elementares Bauteil der Geschichte – gelingt der Autorin sehr gut. Viele nebenbei erwähnte Kleinigkeiten malen in umfassendes Bild und erschaffen im Leser ein Gefühl für die ordentliche Eintönigkeit und langweilige Normalität, in der Juli lebt. Ebenso wird klar, wie schrecklich es ist „anderes“ zu sein und welchen Preis man dafür in dieser Gesellschaft zu zahlen hat. Aus Nebensätzen kann der Leser schließen, dass es sich dabei um eine Zukunftsvision unserer Welt handelt – wären da nicht die Pheen, die die Geschichte in das Phantastische befördern.
Juli ist als Ich-Erzählerin natürlich im Fokus der Geschichte. Und sie ist gut beschrieben. Sie sagt selbst von sich, dass sie am Anfang nicht so nett ist, aber im Laufe der Geschichte wächst sie einem ans Herz. Ihre Sorgen, ihr Unverständnis, ihr ganzes plötzlich auf den Kopf gestelltes Leben ist für den Leser gut nachzuvollziehen. Und auch Ksü liest sich blitzschnell in das Herz des Lesers. Nachdem man schon so viel schreckliche Normalität erlebt hat, ist sie einfach nur herzerfrischend mit ihrer offenen und freundlichen Art. Schade, dass es bei beiden Figuren ein Bruch gibt – Juli, die sich plötzlich total verändert, und Ksü, die unangepasst bleibt, obwohl sie um die Konsequenzen weiß. Die Nebenfiguren – Julis Vater, ihre Geschwister, ihre Großmutter und Schulbekanntschaften – bleiben seltsam farblos und ohne echte Tiefe. Das ist schade, denn sie könnten sie könnten die Frage klären, warum die Gesellschaft so überzeugt davon ist, dass Normalität gut ist. Dass es ihnen an Tiefe fehlt, weil sie allesamt Vertreter der Normalität sind und die per se schlecht ist, wird dadurch widerlegt, dass auch Ksüs Bruder Ivan und Julis Mutter oberflächlich bleiben. Vielleicht liegt es aber auch daran, dass ihre Geschichten und ihr Tiefgang erst in den folgenden zwei Bänden ausgelotet wird.
Und das ist die echte Schwachstelle von Spiegelkind. Es wird so viel aufgebaut, so viele Fragen aufgeworfen, so viele Handlungsstränge begonnen und sie enden (fast) alle im Nichts der Fortsetzung, auf die noch lange zu warten ist. Diese Atmosphäre des Nicht-Wissens spiegelt natürlich auch gut die angstvolle und frustrierende Situation von Juli wieder, die nicht weiß, wo ihre Mutter ist, und die nichts über die Phee, die anscheinend der Schlüssel zum Geheimnis sind, herausbekommt. Doch irgendwann ist der Punkt erreicht, wo Juli in das Wissen eintaucht, der Leser jedoch nicht. Ihm werden keine oder nur sehr wenige Fragen beantwortet und das schränkt bei diesem ansonsten lesenswerten und zum Nachdenken anregenden Buch den Lesespaß etwas ein.

Mehr zu und über Alina Bronsky gibt es hier bei der wikipedia und hier auf der Seite zum Buch.

So, dann ist erst einmal alles gesagt. Bis zur nächsten Woche!

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2 Kommentare zu “Spiegelkind von Alina Bronsky

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