Das Geheimnis des Weissen Bandes von Anthony Horowitz

So, ich habe es endlich geschafft! Das Buch ist durch.
Doch eine Geschichte erzählt man besser von Anfang an. Also: Ich bin seit vielen, vielen Jahren ein begeisterter Sherlock Holmes Fan, ein Sherlockian – wie diese netten, wenn auch manchmal leicht verrückten Menschen sich selber nennen. Schon als ich klein war, fand ich den Großen Detektiv wunderbar. Ich weiß noch, dass ich – Ich war vielleicht sechs oder sieben Jahre alt. – „Das Zeichen der Vier“ im Fernsehen gesehen habe und es total spannend, gruselig und aufregend fand. Als Teenie hatte ich dann andere Helden, aber mit der wunderschönen Gesamtausgabe von Haffmans kehrten Mr. Sherlock Holmes und Dr. John H. Watson in mein Leben zurück… Klar also, dass ich dem schon vor seinem Erscheinen so hochgelobten Roman von Anthony Horowitz entgegengefiebert habe. Ich meine, das Sir Arthur Conan Doyle Literary Estate selbst hat es zu einem „offiziellen“ Nachfolger ernannt!
Der Insel Verlag, bei dem das Buch in der deutschen Übersetzung erschienen ist, hat mehrere Gewinnspiele veranstaltet und unterstützt und ich habe den Roman bei einem davon gewonnen. Vielen Dank noch einmal dafür! Das Geheimnis des Weissen Bandes kam ein paar Tage vor dem Veröffentlichungstermin mit einer schriftlichen Bitte, davor noch nichts über das Buch und seinen Inhalt öffentlich preiszugeben. Natürlich hätte ich sehr gerne pünktlich zum Erscheinungszeitpunkt hier eine Rezension veröffentlicht, aber da ist mir das Leben dazwischen gekommen; das ist als Mutter eben so. Doch nun ist das Buch endlich gelesen und hier ist die Rezension:

Autor: Anthony Horowitz
Titel: Das Geheimnis des Weissen Bandes
Übersetzer: Lutz-W. Wolff
Verlag: Insel Verlag
Seiten: 352

Im November 1890 zieht Dr. Watson für einige Zeit zurück in die Baker Street 221b. Seine Frau ist verreist und Sherlock Holmes freut sich über Gesellschaft. So kommt es, dass der treue Biograf von Anfang an dabei ist, als sich eine düstere Geschichte entwickelt, die schließlich einen Skandal auslöst, der bis in die höchsten Kreise reicht und Sherlock Holmes‘ Ruf und Leben mehr als einmal in Gefahr bringt.
Der nervöse und äußerst sensible Mr. Carstairs, ein Kunsthändler, erscheint bei dem berühmten Detektiv und berichtet davon, dass er verfolgt wird. Und er vermutet, dass er seinen Peiniger auch kennt – aus Amerika, wo er in einige höchst unglückliche Abenteuer verwickelt wurde. Bilder seines Geschäfts wurden von einer brutalen Bande, der Flat Cap Gang, bei einem Zugüberfall vernichtet und er war maßgeblich darin beteiligt, diese Bande zur Strecke zu bringen. Alle Kriminellen starben bei einem Schusswechsel mit den Behörden – alle bis auf einen. Und dieser, so fürchtet Carstairs, ist nun hinter ihm her um Rache zu üben.
Als der Mann jedoch mit durchschnittener Kehle von Holmes aufgefunden wird, scheint die kriminelle Bedrohung Carstairs‘ beendet zu sein. Oder doch nicht? Steckt etwas Kriminelles hinter dem plötzlichen Pech, das über der Familie zu dräuen scheint?
Doch diese Fragen treten zurück, als Ross, einer der Baker Street Irregulars – Straßenjungen, die Holmes immer mal wieder für Beobachtungen und ähnliches einsetzt – brutal ermordet aufgefunden wird. Bevor man ihm die Kehle durchgeschnitten hat, ist der arme, kleine Kerl gefoltert worden. Ist der Auftrag Holmes‘ daran Schuld? Hat der Große Detektiv ihn einer tödlichen Gefahr ausgesetzt? Holmes wird von seinem Gewissen gemartert und muss diesen Mord um jeden Preis klären. Die einzige Spur ist ein Stück Seide um Ross‘ Handgelenk, ein weißes Band.

Die Atmosphäre entspricht nicht ganz denen der kanonischen Geschichten. Zu oft hatte ich das Gefühl einen Jugendroman zu lesen. Zu sehr entspricht der Fall nicht dem, wie Conan Doyle seine Gesellschaft wahrnahm und wiedergab, sowohl in der Art des Verbrechens als auch in dem Glauben an konservative Werte. Der Stil Horowitz‘ ist gut, aber eben nicht der von Watson bzw. Conan Doyle. Zu oft reflektiert Watson über das Schreiben an sich, sherlockianische Problemstellungen und die Zeit, die seit damals verstrichen ist.
Doch das sind auch die einzigen Kritikpunkte, die ich anbringen kann. Das Worldbuilding ist sehr gelungen. Man merkt, dass sich Horowitz sehr intensiv mit dem viktorianischen London befasst hat und seine Recherchen tragen hier großartige Früchte. London mit all seinen dunklen und einigen weniger dunklen Seiten wird hier vorgeführt, als würde man mitten hindurchspazieren. Peinliche Fehler, wie sie in historischen Romanen ja nicht eben selten auftauchen, konnte ich hier nicht finden.
Der Handlungsaufbau gleicht dem einer klassischen Holmes-Geschichte. Der Klient kommt mit seinem Problem in die Baker Street, eine Abenteuergeschichte aus der Ferne wird erzählt, Holmes begibt sich von Watson begleitet auf Spurensuche, sein Weg kreuzt sich mit dem eines Scotland Yard Beamten – in diesem Fall mit Inspector Lestrade – und nun sollte die wundersame Auflösung kommen, doch hier begibt sich Horowitz auf neue Wege. Viel Action folgt und ein Meisterdetektiv, der nicht immer Herr der Lage ist. Und erst dann kommt die wundersame Aufklärung, die zeigt, dass Holmes alles wusste und Watson es noch nicht einmal ahnte. Auch der Spannungsbogen ist gut gelungen. Man kann merken, dass Horowitz sein Handwerk nach über 50 Büchern einfach gut beherrscht … Ganz wunderbar fand ich das Ende, in dem die offenen Stränge zusammenfasst und das mich mit seiner Aufklärung des Falles wirklich überrascht hat. Das ist im allgemeinen selten geworden, wenn ich Krimis lese. Und es hat mir wirklich mal wieder gut gefallen, dass mit der Erklärung von Holmes plötzlich alle Dinge einen Sinn ergaben – auch diejenigen, über die ich zuvor noch gar nicht nachgedacht hatte.
Und auch die Figuren sind gut getroffen. Bei Holmes und Watson gibt es hier und da winzige Kleinigkeiten, die ich persönlich gerne anders gelesen hätte. Doch ich bin die erste, die zugibt, dass ich da möglicherweise etwas pedantisch bin … Die anderen aus dem Kanon übernommenen Charaktere sind wunderbar getroffen: Mycroft, Wiggins und vor allem Inspector Lestrade gefallen mir sehr, aber auch die, die ich hier nicht nenne, um nicht zu spoilern, sind in meinen Augen gut getroffen. Ebenfalls gut gelungen sind die neuen Figuren, die das viktorianische London bevölkern und diese Kulisse zum Leben erwecken.

Mehr zu und über Anthony Horowitz gibt es hier. Momentan gibt es sogar ein Intro zum Sherlock Holmes Buch …

So, dann ist erst einmal alles gesagt. Bis zur nächsten Woche!

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